Wie notwendig der öffentliche Druck war, um die Ausstrahlung der Dokumentation zum europäischen Antisemitismus zu erzwingen,* belegt die anschließende Diskussionsrunde (gestern für 75 Min. ab 23:45 Uhr), sprich zur Schlafenszeit.

Sie firmierte unter dem Familiennamen der auch anwesenden ‚Journalistin‘, ein Brauch den Olli Dittrich bereits pointiert karikierte. Maischberger brüstete sich einst in einem Radio-Eins-Interview mit ihrem Produzenten, dass sie am besten sei, wenn sie sich nicht vorbereitet. Offensichtlich hatte sie sich diesmal nicht an ihr Erfolgsrezept gehalten, denn schon zu Anfang verteidigte sie Ihre Entscheidung, die Filmemacher nicht einzuladen. Man würde dann über den Film reden und das wolle man nicht. Der Vorwurf seitens der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt, die Filmemacher hätten die von ihnen Bloßgestellten nicht selbst Stellung beziehen lassen, konnte so nicht aufgeklärt werden.

Kurz, der gesammelte Sachverstand, den die Sendung zusammengekratzt hatte, konnte zur Aufklärung der dem Film kritisch beiseite gestellten Dokumentation nichts beitragen. Vermutlich hielt man die Dokumentation auch nicht für eine diskursive Stellungnahme, sondern der Weisheit letzter Schluß. Auch dem anwesenden Historiker gelang es nicht, einen Einblick in historische Zusammenhänge zu öffnen, dabei hätte das Thema analytische Tiefenperspektiven nötig gehabt. 

Analysen wurden also nicht geboten, dafür aber Beispiele für jenen antisemitischen Morast, der wohl nur durch Bildung trocken zu legen ist.

Norbert Blüm, der eingeladen wurde, weil er schon einmal Israel einen Vernichtungskrieg unterstellt, begann seinen Redebeitrag zum Antisemitismus in Europa mit dem Verweis auf Sabra und Schatila. Die Entlastung von deutscher Schuld wird also über dem Fingerzeig auf die vorgebliche Schuld des Anderen erledigt. Für den Christen Blüm, der Splitter im Auge des Anderen, stammt aus dem Balken im eigenen. So wie der Begriff Vernichtungskrieg aus dem Wüten der deutschen Wehrmacht stammt und Blüm ihn auf Israel münzt, so folgt Blüms Verweis auf Sabra und Schatila der gleichen Logik. Dieses Massaker christlicher Milizen, die im Libanonkrieg mit Israel verbündet waren, wurde von den Vereinten Nationen als Genozid eingestuft. Statt sich dem Antisemitismus in Europa zu stellen, zeigt Blüm also auf den vorgeblich durch Juden verübten Genozid. Also nicht etwa der Genozid der Deutschen an den Juden wird bei diesem Thema zur Sprache gebracht, sondern zwei sprachliche Formeln der deutschen Verbrechen auf die israelische Politik adaptiert.  In der Psychologie würde man von Übertragung sprechen. 

In Blüms Redebeitrag haben die Juden Schuld am Antisemitismus.

 

 

*Hier ein aktuelles Beispiel, das die thematische Dringlichkeit der Dokumentation verdeutlicht: –>. Die Kindsmordlegende hat ebenso eine historische Tiefendimension, wie die im Film behandelte Brunnenvergifterlegende.

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Ein Kommentar zu “Antisemitismus mitten unter uns”

  1. Die Ente ist sicher, kicher.

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