Auf die Technik kommt es an II

Nachdem ich mich beim letzten Mal noch über die Megalomanie der großen Smartphonehersteller beschwert hatte, bin ich nun doch eingeknickt. Der Ersatz für mein in den letzten Zuckungen liegendes Motorola Milestone hat nun doch ein 4,7″-Display.

Wider Erwarten trägt das Gerät, wohl wegen der geringen  Dicke von nur 8,9 mm, in der Hosentasche kaum auf. Sogar Sitzen, Knien und Hocken in nachweihnachtlich engen Jeans stellt kein größeres Problem dar. ;-) Vergleichen mit dem, inzwischen über 3 Jahre alten, Milestone kann man das 720p-Super-LCD eigentlich nicht. Kontrast und Farben spielen in einer ganz anderen Liga. Einziges Problem: Es ist zu groß. Bei meinen 1,76 m (laut Ausweis) müsste ich die Proportionen einer jungen Dogge haben, um das Gerät bequem einhändig bedienen zu können.

Über die restliche Technik kann man sich kaum beschweren. Die 4+1-Kern-CPU des verbauten Tegra 3 stellt selbst im gedrosselten Stromsparmodus mehr als genug Rechenleistung für alle bisher getesteten Anwendungen zur Verfügung, ohne dabei übermäßig heiß zu werden. Das Gehäuse besteht zwar nur aus Polycarbonat, fühlt sich aber stabil und wertig an. Eine Antirutschbeschichtung sorgt für besseren Grip.
Das WLAN-Modul nach IEEE 802.11n funkt sowohl im 2,4-GHz- als auch im 5-GHz-Frequenzband, wenn da nicht noch ein iPhone in der Wohnung wäre, könnte ich mich also ganz aus dem sowieso überfüllten 2,4-GHz-WLAN verabschieden. Für bekennende Jungpioniere wie mich spricht das Handy neben dem obligatorischen GPS auch GLONASS. Ob sich dadurch etwas an der Genauigkeit oder Verfügbarkeit ändert, kann ich aber nicht sagen.
Die integrierte Kamera soll zu den besten auf dem Smartphonemarkt zählen, aufgrund der besch… Witterungsverhältnisse der letzten Tage muss ich Erfahrungen aus erster Hand aber vorerst schuldig bleiben.
Der  2100-mAh-Akku ist fest verbaut, eine sich leider immer weiter verbreitende Unart. Bei mäßiger Nutzung komme ich damit reichlich zwei Tage hin. Das Telefon verwendet eine Micro-SIM, die sich aber mittels Schablone und etwas Geschick mit der Schere auch selber zuschneiden lässt.
Ein Micro-SD-Einschub ist nicht vorhanden, was sich bei 64 GiByte internem Speicher aber verschmerzen lässt. Dieser allerdings meldet sich nicht als USB-Massenspeicher an, sondern — zumindest unter Windows — als Multimediadevice. Für Windowsnutzer kaum problematisch wird das MTProtokoll von Linux oder MacOS mehr schlecht als recht unterstützt. Apfelmännchen bietet HTC immerhin noch seinen „HTC Sync Manager“ als DMG an (was ich aber nie ausprobiert habe). Die Pinguinfraktion muss sich mit solchen oder ähnlichen Tutorials behelfen, aber wir sind’s ja gewohnt.

Was ich aber wirklich ein wenig traurig finde ist die Tatsache, dass es unabhängige Entwickler wie das cyanogenmod-Projekt schaffen überzeugendere GUIs zu erstellen, als die teuren Entwicklungsabteilungen von Motorola, Samsung oder in diesem Fall HTC.
Warum muss ich erst umständlich eine App installieren und konfigurieren, um Schalter für WLAN, Bluetooth etc. in die Benachrichtigungsleiste zu bekommen? Muss ich wirklich für jeden Titelwechsel beim MP3-Player das Telefon aus der Tasche fummeln und das Display anmachen? Man kann auch 2,50 € für eine App bezahlen, um den Player per Morsecode am Headset zu kontrollieren. Mit cyanogenmod reicht es, eine der Lautstärketasten gedrückt zu halten. Warum habe ich in HTCs Car-App nur die Wahl zwischen „HTC Locations“ oder „Google Maps Navigation“, wenn ich 40 € für Navigon oder oder TomTom bezahlt habe?
Zugegebenermaßen sind das alles keine großen Probleme, in der Summe erzeugen Sie bei mir aber das Gefühl viel Geld für ein Produkt ausgegeben zu haben,  das der Hersteller einfach nicht vollständig durchdacht hat.

Immerhin muss man HTC zugute halten, dass es problemlos möglich ist, den Bootloader ihrer Handys zu entsperren und so das Telefon zu rooten oder eben gleich ein neues Rom, etwa cyanogenmod oder Miui zu installieren. Auf eigene Gefahr, versteht sich.

So bleibt festzustellen: Es kommt nicht nur auf die Technik an, sondern ganz entscheidend auch auf die Software und darauf, dass man gute Ansätze auch zu Ende denkt.