Die Ausstellung “Gesichter der Renaissance” im Berliner Bode-Museum ist eine Reise wert. Jedoch haben die Ausstellungsmacher erhebliche Hindernisse errichtet. Daher dieser Brief:
Sehr geehrter Herr Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin,
Berlin beherbergt seit Kurzem die Ausstellung “Gesichter der Renaissance” im Bode-Museum und damit ein kulturelles Highlight mit einer Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus. Zahlreiche Berichte in den zentralen Medien der Bundesrepublik legen hiervon beredtes Zeugnis ab. Umso erstaunlicher ist die provinzielle Organisation des Kartenverkaufs.
Nicht nur, dass in den vergangenen Tagen der Online-Kartenverkauf schlicht zusammengebrochen ist, ein Problem, das technisch lösbar ist, sondern vor allem war es für uns als Nicht-Berliner auch nicht möglich, durch einen Freund vor Ort Karten für einen bestimmten Zeitraum zu erwerben. So wird der Besuch der Ausstellung für Tagestouristen zur Qual.
Auch hierfür gibt es keine technischen und organisatorischen Gründe. Die begrenzte Kapazität in den Ausstellungsräumen kann durch den Verkauf von Zeitfenstern viel besser organisiert werden, als es bisher der Fall ist. Schließlich stehen mit den Multimediaguides und der vierfachen Eintrittskartenkontrolle (Haupteingang, Ausgabe des Multimediaguides, Eintritt in die Sonderausstellung und Verlassen derselben) genügend Instrumente zur Verfügung, die Besucheranzahl in den Ausstellungsräumen zu kontrollieren. Die Kapazität der Räume in Zweistundenzeitfenstern ist kalkulierbar und wird den Anforderungen von Besuchern und Kunstwerken im gleichen Maße gerecht.
Die Ausstellung selbst, also die Werke und ihre Präsentation, verdient freilich den ganzen Dank ihrer Besucher und so auch unseren.
Mit freundlichen Grüßen,
…

Sandro Botticelli

Eingangsbestätigung der Senatsverwaltung:
“Ihre Mail ging im Briefkasten der Senatsverwaltung für Bildung,
Wissenschaft und Forschung ein und wurde an das Büro des Senators
Prof. Dr. Zöllner weitergeleitet.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag”
Auch 14 Tage später keine Antwort vom Berliner Senat. Da heißt es warten…
Heute gab es dann die freundliche Mail, also die mit Verständnis in der Sache und Weiterleitung in der Zuständigkeit. Nach der Wahl ist vor der Wahl.
Ich möchte dem Gesagten hier noch eine tiefere technische Dimension hinzufügen. Man wird das Gefühl nicht los, dass bei der Ausstellung gerade dem technischen Aspekt viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde. Vielmehr sehen große Teile stark nach Last-Minute-Fertigung aus.
Dem Kartenverkauf fehlen elementare Features (s.o.), die jedem, der auch nur etwas darüber nachdenkt, offensichtlich gewesen wären. Auch hätte man voraussehen können, dass eine solche Ausstellung größere Besucherströme anzieht und man dementsprechende Hostinglösungen bereitstellen muss, die den Ticketshop länger als den ersten halben Tag online halten, bevor sie zusammenbrechen. Ein solcher Zusammenbruch wiederum wäre für die inhaltlich sehr unübersichtlich gestaltete Webseite eher zu verschmerzen gewesen.
Die Audioguides auf Basis von iPods sind eine durchaus interessante Idee, allerdings lässt auch hier die technische Umsetzung zu wünschen übrig. So hängt das System gern fest, wenn es eigentlich zurück zur Zahleneingabe springen sollte. Man ist dann gezwungen, den Titel manuell zu beenden. Für technikaffines Volk der „Generation iPod“ stellt sowas keine unüberwindbare Hürde dar (gleichwohl es stört), jedoch dürften diese nicht zum Hauptpublikum der Ausstellung gehören.
Alles in allem hinterlässt die technische Umsetzung einen sehr mäßigen Eindruck. Dies sollte aber um Himmels Willen niemanden davon abhalten die Ausstellung zu besuchen! Man wünscht sich nur leider, dass derart hochkarätige Ausstellungsstücke eine entsprechend gelungene handwerklich-technische Präsentation fänden.
Neue Antwort, neues Glück:
“wir freuen uns über Ihr Interesse an der Ausstellung “Gesichter der Renaissance” im Bodemuseum. Ihre Mail an Herrn Prof. Dr. Zöllner hat mich auf Umwegen erreicht. Zu Ihren Überlegungen hinsichtlich des Ticketmanagements möchten wir folgende Dinge anmerken, die unsere Entscheidung für ein flexibles Einlasssystem maßgeblich mit beeinflusst haben:
Zum einen fasst die Ausstellung aus konservatorischen und sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr als 300 Besucher gleichzeitig (zum Vergleich: bei den Ausstellungen „Das MoMA in Berlin“ und „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ waren es 1.000!). Bei einem Zeitfenstersystem würden wir an einem normalen Öffnungstag (10 bis 18 Uhr) ungefähr 1.500 Besucher täglich in die Ausstellung einlassen können – inklusive den Teilnehmern von Führungen u.a. Mit unserem System kommen derzeit mindestens 2.000 Besucher täglich in den Genuss der Ausstellung.
Zum zweiten hätten wir bei einem Verkauf von Zeitfenstertickets im Vorverkauf mit Sicherheit das Problem, dass die Ausstellung mindestens bis zur Abreise des Leonardos – wenn nicht bis zum Ende der Ausstellung – komplett ausverkauft wäre. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele in ganz Europa und die Enttäuschung der Besucher kann man nur zu gut verstehen. Mit unserem System hat man nicht nur jeden Tag wieder von neuem die Chance dabei zu sein, wir bauen auch einem Schwarzmarkt vor, der, so wissen wir von MoMA und den Franzosen, unglaubliche Blüten treiben kann. Es ist nämlich bei weitem ein Unterschied, ob man das Neue Museum eröffnet, – ein Haus, dass so Gott will für ewig bestehen bleibt – oder eine Jahrhundert-Ausstellung, die exakt 86 Tage zu sehen ist!
Um die Situation zu verbessern, haben wir seit dem 3. September 2011 die Öffnungszeiten in einem ersten Schritt deutlich erweitert: Do-So 10-22 Uhr, Mo-Mi 10-18 Uhr, weitere Schritte sind in Planung.
In den letzten Tagen war es darüber hinaus so, dass wir die Tageskasse immer noch einmal öffnen konnten, um weitere 200-300 Tagestickets zu verkaufen. Wenn es die Situation im Haus zulässt, werden wir auch zukünftig so verfahren.
Ihre Verärgerung ist von außen betrachtet zu verstehen und so hoffen wir, mit diesen Erläuterungen Ihr Verständnis zu vergrößern. Wir erwägen hier zahlreiche Maßnahmen, um möglichst vielen Menschen den Genuss der wunderbaren Exponate zu ermöglichen. Und unter Wahrung der musealen Rahmenbedingungen ist die dafür beste Lösung nicht immer die scheinbar einfachste – ein gutes Besuchermanagement ist wahrlich komplex!
Mit freundlichen Grüßen”
vielen Dank für Ihre freundliche Antwort vom 1. Oktober.
Schade, dass bei Ihrem Besuchermanagement der Besuch der Ausstellung “Gesichter der Renaissance” für Tagestouristen stark erschwert ist, wie Sie schreiben, erschwert bleiben muss.
Ihre Argumentation ist nachvollziehbar, ich möchte jedoch noch einige Anregungen zu bedenken geben.
Wenn Sie Tickets für ein bestimmtes Zeitfenster über den Tag verteilt gering kontingentieren, wäre für Tagestouristen das Risiko, vor Ort eben kein Ticket mehr zu erhalten, abgefedert. Ein wöchentlicher Online-Vorverkauf von Zeitfenster-Tickets würde zudem einem vorzeitigen Ausverkauf entgegenwirken. Gutes Besuchermanagement ist doch auch immer gutes Kommunikationsmanagement. So ist es kundenfreundlicher, wenn Tagestouristen die Chance hätten, über das Internet Tickets zu kaufen, selbst dann, wenn diese Karten schnell verkauft sein sollten.
Ihrer Befürchtung eines Schwarzhandels ließe sich mittels namentlicher Kenntlichmachung der im Internet gekauften Tickets entgegenwirken.
Darüber hinaus könnte eine Zeitanzeige im iPod touch den moralischen Druck auf die Ausstellungsbesucher dahin gehend erhöhen, dass ein kontinuierlicherer Besucherfluss stattfindet.
Nichtsdestotrotz haben Sie natürlich recht, dass bei der Jahrhundertausstellung, wie bei entsprechenden Musikevents, knappe Ressourcen verteilt werden, die den Besuchern eben auch einiges abverlangen. Hinweise auf der Webseite zur Ausstellung ließen Fernreisende früh aufmerken und sich darauf einstellen.
Mit freundlichen Grüßen,
Heute gab es dann sogar noch einmal eine freundliche Antwortmail. Fein sowas!