Der Reiz der Berührung

… geht scheinbar auch von immobilen Dingen aus, betrachtet man doch nur einmal die verschiedensten Bronzestatuen, die unsere Städte zieren. Handpolierte helle Stellen auf den altersdunklen Bronzen leuchten von weit her und ziehen Blicke auf sich. Doch ob an diesen Stellen berührt wird, weil man sich Glück erhofft, weil es alle machen oder weil man einmal dort zupacken möchte, wo es an den fleischlichen Vorbildern schnell zur sexuellen Belästigung wird, bleibt meist in den Köpfen der Zupackenden verborgen.

In Prag, so wird erzählt, bringt es Glück, die Gestalt des heiligen Nepomuk auf einem Brückenrelief der Karlsbrücke zu berühren. Das Relief unter der Statue des St. Nepomuk zeigt, wie dieser nach einem „Disput“ mit König Wenzel von eben dieser Brücke gestürzt und in der Moldau ertränkt wird. Nun glänzt er von den Berührungen der Abtertausend Touristen, die tagtäglich über die Karlsbrücke zum Hradschin strömen. Eine weitere mündliche Überlieferung besagt, dass sich in einer durchzechten Nacht Prager Studenten entschlossen, den Touristen einen Streich zu spielen. Sie begaben sich auf die Karlsbrücke und rieben den Hund Wenzels auf dem zweiten Bronzerelief unter St. Nepomuks Statue blank. Erst seither gilt es, der Erzählung nach, ebenfalls als glücksbringend, diesen Hund zu berühren.

Vielerorts gibt es wohl ähnliche Geschichten zu glücksverheißenden Statuen oder Reliefs und blank polierte Nüstern, Busen oder Beine. Böse Zungen behaupten, dass die Berührung eines Bronzeobjektes und der dazugehörige Fotobeweis zum geistlosen Massensport von Italienern und Japanern avanciert ist. Doch solange die Objekte aus diesem Grunde gesucht, gefunden und gesehen werden und daher nicht in Vergessenheit geraten, kann ich an dem Brauch nichts Schlimmes erkennen. Aber über die Verrenkungen der Touristen vor den Linsen ihrer Fotoapparate kann ich mich nur amüsieren!