Herrscher und Beherrschte seien eins!

Ein Denkmal zur Deutschen Einheit soll es geben. Jener Deutschen Einheit, die zwischen friedlichen Demonstrationen des Jahres 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 geschaffen wurde. Kurz, ein historisches Ereignis, das durchaus ein Denkmal verdient. Die Kritiken sind jedoch vernichtend. So fröhnt Stefan Kuzmany im Spiegel ungehemmt seiner puritanischen Lust und will mit dem Geld lieber verhindern, dass „in Schulklassen der Putz von den Wänden bröckelt“. Ganz so war der Umgang im Sozialismus mit Kunst, sie hatte nützlich zu sein, besser noch im Nützlichen gänzlich zu verschwinden:

So also das Fieber zu bekämpfen in Kujan-Bulak, und zwar
Zu Ehren des gestorbenen, aber
Nicht zu vergessenden
Genossen Lenin.

Sie beschlossen es. An dem Tage der Ehrung trugen sie
Ihre zerbeulten Eimer, gefüllt mit dem schwarzen Petroleum
Einer hinter dem anderen hinaus
Und begossen den Sumpf damit.

So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und
Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn
Also verstanden.

Eine dialektische Selbstkasteiung, wie sie wohl nur vom ersten Staatskünstler der DDR, Bertold Brecht, zitiert werden konnte, ohne dass der Widerspruch zwischen Förderung seiner Kunst und der Kunst der Anderen auffiel.

Allein die Süddeutsche geht in ihrem Kunstunverständnis noch einen Schritt weiter. Hier schreibt Kia Vahland: „Moderne Kunst aber lässt sich keine positive Botschaft vorschreiben, und sei sie noch so wohlmeinend. Wenn sie sich einem guten Zweck unterwirft, verliert sie ihre Vieldeutigkeit und ihren Eigensinn, also ihre Existenzberechtigung. Das hat die Künstler abgeschreckt.“ Dass Moderne Kunst aber durchaus zu gesellschaftlicher Verständigung beitragen kann, haben nicht nur unzählige Künstler längst bewiesen, sondern ist auch in der Kunstgeschichte als Erkenntnis angekommen. So kann man es z.B. bei Hans Ernst Mittig lesen: „Kunstwerke können Signale geben, Emotionen wecken und die Motivation erzeugen, dann auch nachzulesen. Denkmäler wie die ‚Bibliothek‘ von Micha Ullman oder das von Stih und Schnock im Bayerischen Viertel zeigen, daß sie präzisere Gedanken unterstützen und wir unsere eigene Alltagserfahrung einbringen können.“

Vahlands Verweis, „das hat die Künstler abgeschreckt“, bleibt da nur skurril: Handelt es sich bei dem Denkmal zur Deutschen Einheit denn nun nicht um Kunst? Längst hat sich die Moderne Kunst über die Innungszugehörigkeit hinweggesetzt und die Kunst demokratisiert. So können Sascha Walz, deren künstlerisches Potential außer Frage steht, und ein Architektenbüro der Bürgerbewegung durchaus eine symbolische, eine künstlerische Form geben, die ein Angebot an die Interpretationsleistung des Bürgers ist. Aus der Betrachterposition herauszutreten und durch eigenes Tun das Denkmal mit Leben zu füllen gehört dabei zum Standardrepertoir moderner gegenständlicher Kunst und es gehört auch zum Thema des Denkmals der Deutschen Einheit. Die vom mittätigen und mitformenden Betrachter in Bewegung, in Schwung, versetzte Form haben die Gestalter auch thematisch zwischen zwei Pole gespannt: „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“.  Eine Nuance, die in der Tat erheblich war und ist, kurz, über die ein Nachdenken lohnt. Der Ruf „Wir sind das Volk“ war die Forderung der Rückgabe der politischen Macht an den Souverän, das Volk. Dagegen  stand „Wir sind  ein Volk“ für den Ruf nach der deutschen Einheit. Er war erst später auf den Demonstrationen zu hören und drückte die Forderung an die Bundesrepublik aus, als Gleiche am wirtschaftlichen Wohlstand teilhaben zu wollen. Hierüber ließe sich viel diskutieren. Eine Hoffnung, die ein gutes Denkmal auslösen sollte. Einlösen muss es  diesen Anspruch aber nicht vollständig und alle denkbaren Antworten selber geben, da bleibt auch bei diesem Denkmal Interpretationsraum für Historisches und für Politisches.

Und aus dem Jahr 1989 stammt der im Jahr 1990 mit dem Oscar ausgezeichnete deutsche Film „Balance„.

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