Demos und Demagoge, zweiter Teil

Gut, die Überschrift hätte auch lauten können: „Auch andere Väter haben schöne Töchter“. Denn Karl Theodor zu Guttenberg ist, wie im ersten Teil dieser Kleinserie gezeigt, zwar ein begnadeter, aber bei weitem nicht der einzige Demagoge. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass es inzwischen eigenständige Ausbildungszweige für diesen noch immer unterschätzten Berufungsstand gibt.

Freiberg ist ein Städtchen, das von seiner Tradition, seiner Universität und einigen erfolgreichen Unternehmen lebt. Die Bauten der Innenstadt stammen zumeist aus der frühen Neuzeit. Sie haben also schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel, sind halbwegs gut erhalten und werden, da sie ein weitgehend geschlossenes Areal ausmachen, von Besuchern und Einwohnern als attraktiv empfunden. Soweit so gut.  Es gibt aber auch eine mittelalterliche Stadtmauer und die sollte für einen nicht ganz kleinen Bereich einer Parkhauszufahrt weichen, übrigens auch ein altes Haus in dem Friedrich der Große Quartier genommen hatte. Es liegt auf der Hand, dass solche kommunalpolitischen Pläne Befürworter des Denkmalschutzes und Gegner desselben konträr zueinander in Stellung bringen. Interessant ist nun, wie vor allem der Oberbürgermeister eine skrupellose politische Rhetorik entfaltet.

Mag die Inbezugsetzung von Berliner-Mauer-Fall und Abriss eines kulturgeschichtlichen Baudenkmals, sprich der mittelalterlichen Stadtmauer (Amtsblatt Nr. 20/2010), noch als skurril durchgehen, wird der Ton bald so scharf, dass einem der Atem stockt. Der Oberbürgermeister Bernd-Erwin Schramm beschimpft nun jene, die die Stadtmauer gern erhalten hätten, als Nestbeschmutzer, eine harmlose Form des Vaterlandsverräters. Denn nur der politische Gegener ist rufschädigend und besonders bösartig, wenn er über die engen Stadtgrenzen hinaus Gehör findet. Vulgär bringt Schramm es im Freiberger Amtsblatt auf den Punkt: „Ich habe keine Sorge wegen Nestbeschmutzung, denn so etwas geht immer in die eigene Hose.“ Die minimalen Regeln des politischen Anstands werden aber völlig aufgegeben, wenn die Gedanken Anderer als krank bezeichnet werden. Bei Schramm heißt es: „Ein Virus geht um in Freiberg. Ein Virus, das nach erfolgter Infektion als Krankheitsbild offensichtlich Realitätsverlust oder Wahrnehmungsstörungen zur Folge hat. Ich bin aber sicher, dass die Bürgerschaft sich nicht davon infizieren lässt.“ (Amtsblatt Nr. 3/2011) Es ist noch nicht allzu lange her, da in diesem Land politisch Andersdenkende als krank bezeichnet und verfolgt wurden.

 

2 Antworten auf „Demos und Demagoge, zweiter Teil“

Kommentare sind geschlossen.