Wissenschaft am A****

Ich bin mir sicher, dass dies vielen so geht, die frühere Arbeiten aus eigener Feder nach einigen Jahren wieder zur Hand nehmen und lesen: Mir kommen immer mal wieder die Tränen ob des präsentierten Work-in-progress, seien es formale Fehler (Typos, Grammatikfehler oder Wortdopplungen aufgrund halb durchdachter Satzumstellungen, verpatzte Quellenangaben etc.) oder gar inhaltliche Schnitzer. Dank Internet heute auch via Google auf der Suche nach verwertbarer Literatur stolpere ich hin und wieder über die ominöse Plattform GRIN (Verlag möchte ich es eigentlich nicht nennen). Soeben landete ich wieder via Google auf der Plattform — Zieladresse war in diesem Fall eine 20-seitige Hausarbeit im Rahmen eines kunsthistorischen Seminars, wohl mit „gut“ bewertet. Sie ist als eBook für knapp 13 € zu erwerben.

Ganz abgesehen davon, dass ich mir nicht vorstellen kann, jemandem meine Seminararbeiten zu einem Seitenpreis von 0,65 € zu vertickern (ist das nicht ein klein bisschen übertrieben?), müsste man sich doch später bestimmt schämen für so manche Bolzen, die besser nicht jenseits des Unikontextes gestreut werden sollten. Es fällt kein Meister vom Himmel und wie einen die letzten Jahre peinlich berührter Politiker und (Möchtegern-)Promis gelehrt haben sollte: Alles, was in irgendeiner Form im Netz kursierte, kann gegen einen verwendet werden. Will man in ein paar Jahren wirklich auf die im X. Semester angemessene, aber darüberhinaus fachlich doch etwas fragwürdige Arbeit hingewiesen bzw. an dieser gemessen werden?

GRINs Eigenanspruch, über den man beim Herunterscrollen auf der Seite stolpert, sollte man sich nun wirklich nicht zu eigen machen:

Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.

GRIN (Hervorhebung LIG)

Ganz abgesehen vom Problem des „User Generated Quality Content“, der — wenn ich mich nicht irre — ohne Prüfung hochgeladen werden kann und dementsprechend dem „Quality“-Versprechen nicht unbedingt gerecht werden kann, irritiert mich hieran, dass „wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, …“ zum Angebotsprofil der Plattform gehören. Sind wir jetzt bereits beim Downgrade wissenschaftlicher Arbeit angekommen? Ist inzwischen jeder, der eine Kolumne bei Bild schreibt, nun auch Wissenschaftler?

Post von Dr. Dr. h. c. Wagner!

Am A****!