Demos und Demagoge, erster Teil

Gut, nach von Guttenberg weiß man nun, wie man den Maßstab eigenen Fehlverhaltens in Worte fassen muss, wenn man der Liebling gefälschter Umfragewerte bleiben will. Kleinkinder werden ja gerne gezwungen, nicht einfach „tut mir leid“ zu sagen, sondern auch, was ihnen leid tut. Also hätte Guttenberg sagen sollen: „Ich habe meine Dissertation eigentlich nur abgeschrieben und kann daher von den Studenten der Bundeswehrakademien nicht mehr verlangen, dass sie ehrlich arbeiten sollen.“ Er aber erklärt seinen Rücktritt so: „Der Grund liegt im Besonderen in der Frage, ob ich den höchsten Ansprüchen, die ich selbst an meine Verantwortung anlege, noch nachkommen kann.“

Na gut, könnte man sagen, Dir ist nicht so wichtig, was die Anderen sagen, aber Du hast Dich, gut, nicht ganz freiwillig, für das Richtige entschieden. Hmm, weit gefehlt. Denn bei Guttenberg heißt es weiter über den Grund, warum er „den höchsten Ansprüchen“ an sich selbst nicht mehr nachkommen kann, die Medien seien Schuld. Sie berichteten zu viel über ihn und zu wenig über ernstere Themen. Also da hätte er eher zurücktreten können. Die bunten, vielmehr die gelben Blätter waren voll von Gutti und seiner Frau. Guttenberg: „Wenn allerdings, wie in den letzten Wochen geschehen, die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt, so findet eine dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit zulasten der mir Anvertrauten statt. Unter umgekehrten Vorzeichen gilt Gleiches für den Umstand, dass wochenlang meine Maßnahmen bezüglich der „Gorch Fock“ die weltbewegenden Ereignisse in Nordafrika zu überlagern schienen.“ Hallo? Worüber redet der Mann?! Weil die Medien nicht ausgeglichen berichten, gibt er das Amt des Verteidigungsministers auf? Oder muss es heißen, solange die Medien gut von ihm und seiner Frau berichten, bleibt er im Amt? Wahnsinn aller Orten! Der Mann war doch nicht Minister für öffentliche Aufmerksamkeit, dem sämtliche Medien unterstehen.

Da ist der Schluss nur noch eine Petitesse. Guttenberg: „Nun wird es vielleicht heißen, der Guttenberg ist den Kräften der Politik nicht gewachsen. Das mag sein oder nicht sein. Wenn ich es aber nur wäre, indem ich meinen Charakter veränderte, dann müsste ich gerade deswegen handeln.“ Aha, weil Du anständig bist, tritts Du wegen Deiner Unanständigkeit zurück. Bei etwas mehr Klarheit und Entschlossenheit Deinerseits hätte ich es fast geglaubt.

Ja, und jetzt ist wieder Nordafrika dran.

 

Gesicht und Verlust


Kommunizierende Röhren


Demoskopie: Das Volk im Kasten

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15 Antworten auf „Demos und Demagoge, erster Teil“

  1. In der aktuellen Zeit findet sich eine denkwürdige Stellungnahme des sächsischen Ministers für Kultus und Sport Herrn Professor Dr. Roland Wöller.

    PLAGIATSVORWURF
    „Ich bin zerknirscht“
    Roland Wöller über Eile, Schweiß und Fehler beim Anfertigen seiner Doktorarbeit – sowie die Folgen der Rüge gegen ihn.

    DIE ZEIT: Herr Wöller, haben Sie die Unterlagen Ihrer Doktorarbeit schon aus dem Keller geholt?

    Roland Wöller: Nein, ich bin ja am Montag erst aus dem Urlaub zurückgekehrt. Aber wenn Sie schon so fragen: Ich werde mir meine Arbeit noch mal im Einzelnen zu Gemüte führen.

    ZEIT: Vorige Woche wurde bekannt, dass Ihnen die TU Dresden bezüglich Ihrer Doktorarbeit im Jahr 2008 wissenschaftliches Fehlverhalten bescheinigt hat. Der Verfasser einer Magisterarbeit, aus der Sie in Ihrer Dissertation ausführlich zitieren, hatte sich bei der Universität beschwert.

    Wöller: Den Inhalt der Beschwerde kenne ich nicht im Einzelnen. Der Promotionsausschuss hat diese Vorwürfe überprüft und festgestellt, dass mir, ich zitiere, »kein Täuschungs- vorwurf im akademischen Sinne zu machen und auch kein Urheberrechtsverstoß« vorzuwerfen sei. Das ist für mich ganz deutlich.

    ZEIT: Und Ihr Fehlverhalten? In einem Brief der TU Dresden an Sie ist die Rede von einer »bedenklichen Menge« an Übereinstimmungen zwischen der Magisterarbeit und Ihrer Dissertation.

    Wöller: Als ich diesen Brief las, war ich sehr zerknirscht und getroffen, weil mir tatsächlich Fehler unterlaufen sind. Ich habe die Herkunft einiger Stellen in meiner Arbeit nicht hinreichend mit Fußnoten deutlich gemacht. Dafür bin ich zu Recht gerügt worden. Diese Rüge ist für mich keine Kleinigkeit.

    ZEIT: Was lernen Sie daraus?

    Wöller: Dass es den Anspruch auf Fehlerfreiheit nicht geben kann. Ein Anspruch, den ich selbst auch nie erhoben habe.

    ZEIT: Anders gesagt, die Folge ist: Knicken, lochen, abheften?

    Wöller: Die Konsequenz ist klar: Mir ist aufgetragen worden, bei einer zweiten Auflage der Dissertation entsprechende Nacharbeiten anzufertigen.

    ZEIT: Planen Sie denn eine?

    Wöller: Nein. Bisher nicht.

    1. Und der Chatzi hat auch einen Monat später noch in seinem Lebenslauf stehen: „Juni 2000 Abschluss der Promotion am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft, Bonn“.

    2. Kann dem Chatzi mal jemand sagen, dass der Abschluss der Promotion, der Abschluss durch die Uni ist. Wenn die Uni also den Titel wegen Betrug entzieht, dann kann im Lebenslauf auch nicht mehr stehen: „Juni 2000 Abschluss der Promotion am Lehrstuhl für Politische Wissenschaft, Bonn“. Das man die Arbeit abgeschlossen hat, die gegebenfalls, also wenn alle Pläne aufgehen, zur Promotion führt, ist hingegen irrelevant und kann den Enkelkindern erzählt werden. Früher, als euer Opa versucht hat, eine Promotion zu erlangen, …

      Also auch im Dezember immer noch keine Korrektur.

    3. So der Chatzi hat’s jetzt bemerkt und korrigiert. Da steht jetzt nicht mehr „Abschluss der Promotion“. Dafür hat er eine Erklärung ins Netz gestellt, die folgende Passage enthält: „Köln, 22.03.2012. Das Gericht hat ausführlich die Grenzwertigkeit und Singularität meines Falles diskutiert. Alle Zitate sind durch Fußnoten ausgewiesen, der Umfang der Fremdzitate wird aber insgesamt nicht klar.“ Schon rein technisch erschließt sich mir dieser Satz nicht. Wenn alle Zitate durch Fußnoten ausgewiesen sind, dann muss doch auch der Umfang der Zitate klar sein. Irgendwie grenzwertig das Ganze.

  2. Handelte es sich denn nun ausschließlich um tödliche Verletzungen, wie die Formulierung „auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt“ zum Ausdruck bringt, oder war dem Verteidigungsminister der Unterschied angesichts seiner Dissertation dann doch nicht so wichtig.

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