Juden, wollt Ihr uns Deutsche noch?

In diskursiven Gesellschaften, wie es die Demokratie in der Bundesrepublik ist, differenzieren sich zunächst einfach erscheinende Sachverhalte oft schnell zu komplexen Phänomenen aus.

Dem jüngsten Urteil des Kölner Landgerichts, das in einem Einzelfall eines auf Grund der muslimischen Religion der Eltern beschnittenen Jungen diese Körperverletzung als strafbar erkannt hatte, schloss sich sofort und massiv von Seiten jüdischer Organisationen vorangetrieben eine Antisemitismusdebatte an. Üblicherweise halten sich aktuell ad hoc Solidaritätsbekundungen zwischen Juden und Muslimen gelinde gesagt in Grenzen und zwar in überschaubaren, wenn auch umstrittenen.

Die Ironie dieser Liaison a trois von Deutschen, Juden und Muslimen in der Bundesrepublik ist damit jedoch noch keinesfalls beendet. Da beispielsweise die Konferenz Europäischer Rabbiner schnell vom schwersten Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust sprach, war klar, der kleine Junge o.g. muslimischer Eltern muss irgendwie unter Juden zu subsumieren sein.  Das lässt doch für den Friedensprozess im Nahen Osten hoffen.

Freilich ist die Geschichte auch damit noch nicht zu Ende. Seit dem ein Rabbiner jüngst einem feigen Überfall in der Bundesrepublik zum Opfer fiel, wird der Zusammenhang wiederum zum Beschneidungsurteil des Kölner Landgerichts hergestellt. Diesmal jedoch unter umgekehrten Vorzeichen. Nach allem was man bisher über die Täter weiß, sind diese  in unserem so offenen und weitgehend tolerantem Land unter Männern mit arabischem Migrationshintergrund zu suchen. Das hält weder Frau Knobloch in der Süddeutschen, noch Frau Zweig in der Frankfurter Rundschau davon ab, diesmal die Beschnittenen nicht wie oben als Einheit von Juden und Muslimen, sondern nur noch als Einheit der Deutschen zu betrachten, sie selbst freilich, also die Juden, in deren Namen sie zu sprechen sich entschlossen haben, gehören nach eigenem Bekunden nicht dazu. Schade! Warum eigentlich?

Wenn Moshe Zimmermann in der 3Sat-Kulturzeit vom 6. September nun auch noch die Israelis mit einbezieht, dann wird es im multiplen jüdischen Identitätsspiel unübersichtlich.  Zwar besteht der Israeli Zimmermann darauf, dass Isarelis und Juden in Deutschland nicht identisch sind, er sagt die Juden in Deutschland sind zu unrecht Geiseln einer antiisraelischen Krititk, wettert aber im gleichen Atemzug gegen die Beschneidungsdebatte in der Bundesrepublik, dass den Deutschen hier kein Urteil zustände, denn „was haben die Deutschen hier zu suchen, das Problem ist ja universell, will man hier am deutschen Wesen die Juden genesen lassen?“ Offensichtlich ist Zimmermann der Zusammenhang zwischen Staat und Staatsbürger gänzlich unvertraut. Das Kölner Urteil bezog sich auf einen Einzelfall eines bundesdeutschen Kindes, das auf Grund der muslimischen Religion der Eltern beschnitten wurde und die Debatte, wie wir sie jetzt in der Bundesrepublik haben, bezieht sich zu meist auf die Bundesrepublik. Worüber spricht Zimmermann, wenn er fordert, dass man informiert sprechen sollte?

Informiertes Reden ist dann wohl Frau Knoblochs Wortmeldung:

 Die selbsternannten Retter der Säkularität und des deutschen Rechtssystems schwingen sich auf, das vermeintlich brutale religiöse Ritual auf seine Legalität, Modernität und Sozialverträglichkeit hin zu überprüfen. Das Sommerloch ist längst gefüllt. Mehr als das: Inzwischen ist dort ein Haufen aufgeschüttet, der zwischen Juden und Nichtjuden in diesem Land steht. Jeder weitere Zwischenruf vergrößert diesen Haufen. Bis er unüberwindbar ist.

Da bleibt einem praktisch jeder Debattenbeitrag im Halse stecken, denn Frau Knobloch fordert unverbrämt, das letzte Wort haben zu dürfen. Es mag die Dame überraschen, aber die Demokratie lebt von Debattenbeiträgen und „selbsternannte[] Retter der Säkularität und des deutschen Rechtssystems“ sind dabei ebenso willkommen wie dümmliche Gefühlsduselei. Welche Position der Demokratie angemessen ist, filtern die demokratischen Institionen eben aus, solange man aber die Debatte selbst ins Visier nimmt, ist immer auch viel kritisierenswertes dabei. Ein Basta entscheidet nicht über Recht und Unrecht in der Demokratie. Knoblochs Hinweis:

Es waren deutsche Juden, die fast alle demokratischen Entwicklungen auf deutschem Boden initiiert, mitgestaltet, begleitet und gelebt haben. Wir brauchen keine Nachhilfe in Demokratie.

klingt da nur noch wie Hohn. Bei ihr vefügen Juden offensichlich über ein Demokratie-Gen, oder wie soll die nicht nur leicht überzogene historische Argumentation über die Jahrhunderte ins Heute verstanden werden.

Knoblochs Fazit irritiert nachhaltig:

Beinahe mein ganzes Leben lang war und bin ich der Kritik der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt. Seit sechs Jahrzehnten muss ich mich rechtfertigen, weil ich in Deutschland geblieben bin – als Überbleibsel einer zerstörten Welt, als Schaf unter Wölfen.

Nein, Frau Knobloch, wer so heult, der heult als Wolf, der ist dem Menschen, wie alle Menschen, ein Wolf.

PS: Die Wortmeldung eines Deutschen zu diesem Thema kann nicht ohne post scriptum auskommen: Ich bin dankbar für die o.g. Stimmen unterschiedlichster jüdischer Coleur, denn wir sind wie wir, oder muss es heißen ihr: mal schlau, mal nicht. Anders als es Frau Knobloch formuliert, kann es keinen besonderen Anspruch auf Vernunft  geben, nicht von Juden, nicht von Deutschen und nicht von Muslimen. Dies zu erkennen, ist sicherlich mit einer Verlusterfahrung verbunden, aber eben nicht zu ändern. Vernunft wird in der Demokratie immer wieder neu auszuhandeln sein, auch mit unvernünftigen Wortmeldungen.

Eine Antwort auf „Juden, wollt Ihr uns Deutsche noch?“

  1. Meine Lieblingsstelle in Knoblochstext ist: “ bin ich der Kritik der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt.“ Hier transferiert Knobloch die Formel „Deutschland und der Rest der Welt“.

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