Synchron vernetzter Gegenwartsraum

Wir sind Internet,

— vermeintliche Autoren bitte selber googeln —

hieß eine der Jubelnachrichten zu Herrn zu Guttenbergs-Abgang. Damit wurde einerseits die Arbeit von GuttenPlag Wiki und andererseits das Internet als Paralleluniversum zu den etablierten Print- und Funkmedien gewürdigt. Die Schwarmintelligenz ist weitgehend von ökonomischen Zwängen befreit und findet im Netz ein Medium, das die etablierten In- und Outgroupkonstruktionen durcheinander bringt. Merkels Wahlkampfmotivationsrede vor CDU-Publikum findet über das Internet verbreitet zugleich Hörer ganz anderer Couleur. Wähler, die man eigentlich hinzu zu gewinnen trachtete, werden mit wüsten Beschimpfungen des politischen Konkurrenten konfrontiert, die sie, da sie nicht zu den Stamm-, präziser Stammeswählern, gehören, eher verunsichern müssen. Scheinheiligkeit war immer schon ein scheinheiliges Argument, ebenso wie der Vorwurf der Verlogenheit meistens für die Verlogenheit des Denunzianten spricht. Hier zeigt sich, dass Deutschlands Demokratie auch nach über 60 Jahren Bundesrepublik und massiver US-amerikanischer Entwicklungshilfe noch in den Kinderschuhen steckt. Politiker wie Merkel, Seehofer, Söder, Dobrindt, Friedrich, Trittin oder Gabriel verkörpern die Kampfhunde ihrer Peergruppen. Das ist gut für den Binnenhalt, aber Kontraproduktiv in der Außenwirkung. „So viel Scheinheiligkeit und Verlogenheit […] war selten in Deutschland, meine Damen und Herren“ (Merkel)!

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Der naheliegende Ausweg, sich ganz republikanisch auf die Institutionen zu verpflichten und ausschließlich hierin den Maßstab für das Handeln der Politiker zu sehen, weckt den Verdacht der Parteisoldaten. Kein Wunder, dass der ukrainische Ehrendoktor und chinesische Ehrenprofessor Seehofer sein gänzliches Unverständnis für die Demokratie offenbart, wenn er Dr. Norbert Lammert angreift. Lammert hatte sich eben nicht die ebenso machtvergessene wie machtversessene Sprache Seehofers zu eigen gemacht. „Ein Minister stürzt nur, wenn die Partei es will, und die Partei will nicht“, so der Stammes-Fürsten-Slogan Seehofers zu Herrn zu Guttenbergs Plagiats-Debakel.

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Gesicht und Verlust


Kommunizierende Röhren


Demoskopie: Das Volk im Kasten

 

Der fühlt ein menschliches Rühren,

läßt schnell vor den Thron sie führen —
Und blicket sie lange verwundert an,

Drauf spricht er: Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und Treue, sie ist doch kein leerer Wahn,
So nehmet auch mich zum Genossen an,
Ich sey, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der dritte.

— Friedrich Schiller —

Die alte Sehnsucht, dass Macht und Ohnmacht auf dieser Welt gleich verteilt sind und über Standesgrenzen aller Art hinweg ausgeglichen werden können, ist in ein neues Rührstück gegossen worden. Kunst und Kino leben von großen Menschheitsträumen gerade dann, wenn der Kontrast zum realen Erleben besonders groß ist. Solch Balsam für die sanft empörte Seele ist dann auch einen Oscar wert. Also kurz: großes Kino. Hingehen! Wer wunderbare Schauspieler liebt, wie Colin Firth, Geoffrey Rush oder Helena Bonham Carter, schon immer von einem Loft in London geträumt hat oder schlicht eine Schwäche für die konstituelle Monarchie Großbritanniens hat, kommt auf seine Kosten. Und nein, in den Untertiteln der OMU-Version findet sich nichts vom StStStottertern.

The King’s Speech

PS: Einen Oscar haben übrigens noch zwei weitere Helden erhalten: Susanne Bier und Trent Reznor.