Raumgefüge und Blickwinkel: Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden

Nach einer 7-jährigen Umbaupause, in der lediglich eine temporäre Dauerausstellung in einem östlichen Gebäude zu besuchen war, wurde das Militärhistorische Museum der Bundeswehr am 14. Oktober 2011 neu eröffnet. In den ersten Tagen lockten verschiedene Veranstaltungen und Sonderführungen durch einzelne Ausstellungsbereiche, angeboten von verschiedenen Dresdener Museumsdirektoren, sehr viele Besucher an — darunter auch mich.

Aufgrund der Menschenmassen, die sich auf dem Gelände und durch die Gebäude wälzten, stand für mich weniger der präsentierte Inhalt im Vordergrund, der sich auch zu einem späteren Zeitpunkt noch und dafür in Ruhe erschließen lässt, sondern das Zusammenspiel von Architektur und Inszenierung. Denn der massive Altbau des 1873 bis 1877 erbauten und seit 1918 als Museum genutzten Arsenals wird inzwischen von einem keilförmigen, asymmetrischen Neubau des Architekten Daniel Libeskind durchstoßen. Dieser bestimmt nun nicht nur die Außenwirkung des Museumsgebäudes, sondern auch in teils verwirrenden Raumgefügen dessen Innenleben. Er fordert eine intensivere Beschäftigung mit Raum, Ort und Zeit, erweitert die museale Darstellung um eine weitere, teils sehr emotionale Dimension.

So sind in den Flügeln des Altbaus im Erdgeschoss und 1. Obergeschoss chronologische Rundgänge zu finden, die sich mit der deutschen Militärgeschichte vor 1914, dann mit den Weltkriegen und der Zwischenkriegszeit und schließlich den Entwicklungen nach 1945 beschäftigen und in den europäischen Kontext einbetten. Der Keil durchstößt die klassische Architektur mit dem chronologischen Ausstellungsteil und führt den Besucher durch Raumgefüge mit hohen, schrägen, schiefen Wänden, Sackgassen, Brücken und mehreren Sichtachsen, in denen verschiedene Themen — z.B. Tiere beim Militär, Krieg und Spiel, Krieg und Sprache, Politik und Gewalt — näher beleuchtet werden.

In der obersten Etage erschließt sich schließlich die konzeptionelle Leistung des Architekten Libeskind und der Museologen des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr. Hier entschlüsselt sich der Keil als baulich aufgegriffene Form des 45-Grad-Fächers, in dem   am 13. Februar 1945 insgesamt 900 Tonnen Bomben auf die Dresdener Altstadt niedergingen. Die Spitze des gebauten Keils weist dabei auf das DSC-Stadion im Ostragehege, welches in jener Nacht den Bomberpiloten als Orientierungspunkt diente und damit auch die Spitze des zerstörten Keils durch Dresden bildete.

Betritt der Besucher im 4. Obergeschoss eine Plattform im gebauten Keil, so schaut er durch eine halbtransparente Fassade aus Metalllamellen auf das heutige Dresden mit seinen unzähligen Bemühungen, alte Wunden im Stadtbild zu verschließen, scheinbar auch ein wenig seine brutale Vergangenheit zu überbauen und so verschwinden zu lassen.

Im Gebäudeinneren liegen aufgebahrt auf drei Holzpaletten, die wie der Gebäudekeil selbst asymmetrisch und schief gezimmert scheinen, zwei Straßenpflaster und eine Steinfigur, geschunden, zersplittert, verbrannt. Alle erlitten sie das selbe Schicksal, sind Zeugnisse von Bombenangriffen des 2. Weltkrieges. Nur ein Pflaster davon stammt aus Dresden, die Figur zeugt von deutschen Luftangriffen auf Rotterdam. Das zweite Pflastersegment vergegenwärtigt jenen Luftangriff auf das polnische Dorf Wieluń am 1. September 1939, als dies im Rahmen einer unserer ersten Kampfhandlungen im 2. Weltkrieg von 87 Stukas nahezu dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Dies ist ein Raum, der in seiner Schlichtheit überrascht, aber durch die offerierten Sichtachsen auf das heutige Dresden, die architektonische Erinnerung an das Bombardement und die sichtbaren Spuren — Zeugnisse einer deutschen Geschichte vor dem „Opfer von Dresden“ — darauf hinweist, dass der 13. Februar 1945 nicht aus den Geschehnissen des 2. Weltkrieges herausgelöst und stilisiert werden kann und darf.

Bis Anfang 2012 ist der Eintritt im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden noch frei, so dass man — selbst wenn einen das Thema Militärgeschichte bisher eigentlich nicht ansprach — durchaus einmal vorbeischauen sollte. Vielleicht lässt die eine oder andere thematische Zusammenstellung das eigene Interesse doch erwachen, auch ist selbst die Chronologie keine möglicherweise vom Besucher gefürchtete Schau der Militärtechnik und Kriegstaktiken, auch wenn ich selbst bisher aufgrund des Besucheransturms vergleichsweise wenige Ausstellungstexte lesen konnte.

Zurück bleibt mir jedenfalls ein Gänsehautgefühl, das sich zuerst beim Erblicken des inszenierten Geschosshagels mit im Stroboskoplicht eingefrorenen Schattenrissen einstellte, später bei der Thematisierung von Tierschicksalen im Krieg jäh in Übelkeit umschlug, um schließlich im obersten Raum angesichts der greifbaren Zeugnisse des für mich immer noch unbegreiflichen 2. Weltkriegs neue Blickwinkel auf meine Umgebung und auf die Ferne eröffnete.

Diese ungewohnt emotionale Dimension eines Museumsbesuches, vorbereitet und verstärkt durch die Architektur und die vor allem an Kernbereichen sehr gelungene Inszenierung, fehlte für mich bei bisherigen staubtrocken scheinenden und zumeist auf Militärtechnik fokussierten Ausstellungen zum Thema Militärgeschichte. Auch die alte temporäre Dauerausstellung im Militärhistorischen Museum, die vielleicht sogar noch im östlichen Nebengebäude zu sehen ist, hatte mich nicht reizen und beeindrucken können. So kommt die emotionale Qualität der neuen Ausstellung dem Besucher — wie ich finde — bei der Beschäftigung mit den Inhalten zugute, hinterlässt Eindrücke, die über Jahreszahlen, Panzertypen und Uniformen hinausgehen und Mensch, Tier und Lebensraum in den Mittelpunkt stellen.

Ich habe vieles in der neuen Ausstellung noch nicht gesehen, noch nicht gelesen, bin auch durch den Themenparcours nicht — wie von den Kuratoren eigentlich angedacht — im obersten Raum beginnend zum untersten Geschoss vorgedrungen, sondern habe mal links, mal rechts abschweifend als Höhepunkt den Blick über Dresden zum Ziel gehabt, beim nächsten Besuch werde ich dies wohl anders machen und vielleicht noch das ein oder andere neue konzeptionelle Detail entdecken.