Schwesterntreffen

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten segnete der Papst — anlässlich seines Deutschlandbesuches — eine Leihgabe ab, die nun in voller Pracht in der Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau am Zwinger in Dresden zu bewundern ist: die Madonna di Foligno von Raffael. Dort wird sie zusammen mit ihrer Dresdner „Schwester“, der ebenfalls von Raffael geschaffenen Sixtinischen Madonna, und weiteren Madonnendarstellungen in der Sonderausstellung „Himmlischer Glanz“ gezeigt.

Raffaels Engel

Dies ist wahrlich mehr als eine Jahrhundertausstellung, denn seit fast 500 Jahren, seit beide Gemälde sich in Raffaels Atelier gerade noch so begegneten — die Madonna di Foligno gerade vollendet, die Sixtinische Madonna erst begonnen (so wird vermutet) — kreuzten sich ihre Wege nicht mehr. Nach der Verschleppung durch Napoleon, einer anschließenden aufwändigen Konservierung der Madonna di Foligno um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert in Paris — das Trägermaterial aus Holz verrottete aufgrund von Nässe, so dass dies fein von Öl und Firnis abgeschabt und durch Leinwand ersetzt werden musste (welch eine Leistung!) — ging diese nur noch 1816 auf die Reise nach Rom und ward seither im Vatikan verwahrt.

So sollte man sich dieses Zusammentreffen beider Gemälde nicht entgehen lassen und — als Nicht-Kunsthistoriker — auch eine Führung in Anspruch nehmen, die Erklärungen und das eigene Verständnis gehen danach natürlich weit über die Möglichkeiten der Objekttexte hinaus. Auch wird man darauf hingewiesen, dass dem Besucher vielleicht die Madonna di Foligno im Vergleich mit ihrer „Schwester“ unnatürlich farbig, geradezu strahlend vorkommt, dies aber kein Restaurierungsfehler sei, sondern lediglich der im Laufe der Jahrhundert grün-gelblich nachgedunkelte Firnis, welcher unsere Sehgewohnheiten älterer Gemälde bestimmt, ausgetauscht wurde, bevor das Werk auf die Reise ging.

Da die Madonna di Foligno nach ihrer Zeit in Dresden wahrscheinlich für weitere lange Jahrzehnte bis Jahrhunderte wieder von den Vatikanischen Museen unter Verschluss genommen wird, sollte man diese einmalige Gelegenheit in Dresden also nutzen und gleich noch die restliche Gemäldegalerie mit entdecken, mir hat es vor allem in der obersten Etage ein Raum mit Kreidezeichnungen — Portraits, um genauer zu sein — angetan. Die Feinheit des Striches, die Sanftheit der Haut, die Leuchtkraft der Augen ist wirklich erstaunlich und das Schokoladenmädchen von Jean Étienne Liotard schließlich hat eine geradezu fotografische Qualität. Also, auf in die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden: Vor allem jetzt — und noch bis zum 8. Januar 2012 — lohnt es sich wirklich!

Und das Beste an dieser Jahrhundertausstellung (natürlich abgesehen von den gezeigten Werken): Es gibt keine Zeittickets, keine Vorbuchung, keine QR-Code-Kärtchen, keine Hektik und kein aufgeregtes Museumspersonal, so dass einem die Nase, die das ein oder andere Mal zum genaueren Betrachten der Pinselstriche auf 30 Zentimeter an die Gemälde herankommt, nicht wutschnaubend abgeschlagen wird. Vielen Dank für diesen entspannten und erinnerungswürdigen Museumsbesuch!

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