Geschichte und Politik im Swing der Moralisten

Erstmals spricht ein UN-Generalsekretär auf einer IOC-Vollversammlung und nutzt kurz vor der Eröffnung der Olympiade in Sotschi die Gelegenheit Russland zu diskreditieren:

Wir alle müssen unsere Stimme erheben gegen Attacken gegen Lesben, Schwule, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle Menschen. Wir müssen uns gegen die Verhaftungen, Gefängnisstrafen und diskriminierenden Einschränkungen wehren, die ihnen drohen.

Doch ist es wirklich das, was Russland vorzuwerfen ist? Oder spielt der Diplomat hier mit freien Assoziationen, die ihn hier – wie schon in den Verhandlungen um Syrien – als ungeschickten Diplomaten ausweisen, Assoziationen, die mit dem kritisierten Gesetz nichts zu tun haben.

Während man 1972 noch klaglos die Sommer-Olympiade in der Stadt der Bewegung austragen ließ und den Deutschen nicht nur keinen Strick aus dem Holocaust drehte, sondern sie hier, wenn auch nur noch als Zaungäste, der weitgehend desinteressierten Weltöffentlichkeit weitere antisemitische Morde vorzeigen konnten, muss heute aus ganz anderen Gründen die Olympiavergabe an Deutschland als Irrtum angesehen werden.

Im Jahr 1972 galt in der Bundesrepublik noch der Paragraph 175. Er stellte, anders als die gegenwärtige Gesetzeslage in Russland, sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe.

In der zweiten deutschen Diktatur, der DDR, wurde 1973 die Strafbarkeit sexueller Handlungen zwischen volljährigen Männern aufgehoben. Die Bundesrepublik zog erst 1994 nach und brauchte dafür zuvor die Wiedervereinigung. Wer hätte gedacht, dass der Bundespräsident Gauck sich so als glühender Verfechter der DDR-Rechtstradition hervortun würde.

3 Antworten auf „Geschichte und Politik im Swing der Moralisten“

  1. Beruhigend, dass Volker Beck auch in diesem Fall alles anders sieht, lag er doch schon bei seiner Beschneidungsobsession diametral gegenüber meiner Position: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sotschi-gruener-beck-fordert-politiker-zum-olympia-boykott-auf-a-951956.html

    Nicht ohne Ironie, das der Bundesstaat Arizona (USA) den Dienstleistern des Staates freistellen will, ob Homosexuelle bedient werden. Also Olympia kann da dann auch nicht stattfinden.

  2. Sollte Gauck sich über den Zusammenhang von Sport und notwendigem politischen Protest ein Bild machen wollen, dann sollte er dies hier sehen: http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Das-Mädchen-Was-geschah-mit-Elisabeth-/Das-Erste/Video?documentId=21712984&bcastId=799280

    Man kann gar nicht soviel kotzen, wie man müsste. Der damalige Deutsche Botschafter in Argentinien findet Folter für Terroristen angemessen. Außenamt der Bundesrepublik will Verhaftungslisten für die Junta heranschaffen und beschwert sich bei der Familie Käsemann über deren mangelnde Kooperation.

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