Tag der Arbeit

"Arbeit macht frei"

Für den Ersten Mai, den Tag der Arbeit, einen Text zum Konzentrationslager Auschwitz zu schreiben und dies mit einem Foto des Tores zum Lager I — das mit dem berüchtigten Schriftzug „Arbeit macht frei“ — zu illustrieren, scheint auf den ersten Blick mehr als nur zynisch zu sein. Doch haben nach ersten Versuchen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert tatsächlich die Nationalsozialisten 1933 per Gesetz dafür gesorgt, dass es in Deutschland eben diesen Tag der Arbeit — damals noch als „Feiertag der nationalen Arbeit“ bezeichnet — überhaupt erst gibt. Damit scheint die Verbindung von Datum und Thema dann doch nicht mehr so abwegig…

Besucht man Auschwitz im Frühling, so ist zunächst einmal ganz unfassbar, wie friedlich diese Stätte umzäunter Unmenschlichkeit heute wirkt. Wären da nicht Schlagbaum, Wachtürme, Stacheldraht und Totenköpfe, man wähnte sich auf einem mehr oder weniger verlassenen Kasernengelände aus ordentlichen, geradezu netten Gebäuden aus rötlichem Backstein, welches von der Natur kontrolliert zurückerobert wird.

Restauriert, musealisiert, an weißgekalkten Wänden Tafeln über die Gräueltaten der Nazis und aufgezogene Schreckensbilder, Häftlingsfotografien in den Korridoren, Dokumente in vereinzelten Vitrinen — Gruppe an Gruppe wird durch das Lager geführt, Fotografieren ist zumeist erlaubt, wenn auch in den Innenräumen der Ausstellungsobjekte zuliebe ohne Blitzlicht. Geradezu bereinigt, entleert, kommt so die Stätte daher, an der man Geister heulen hören möchte.

Treppenstufen im Lager I

Keine blau-weißen Gespenster hausen in den Gängen, zwischen Ausschnitten fröhlich sprießender Natur und rot-weißem Mauerwerk fallen einem in den Gebäuden nur noch die Treppenstufen auf, tief gekerbt durch die Holzpantoffel-beschuhten Füße der Häftlinge. Heute wandeln hunderte Museumsbesucher pro Tag auf diesen Spuren, versuchen sich auf Schotterwegen, in Korridoren und hallenden Räumen den schrecklichen und nicht zu überlebenden täglichen Kampf in dieser Stätte vorzustellen.

Auschwitz — Lager I

Geradezu karikiert wird dieser Gedächtnisort durch den Imbissverkauf hinten rechts auf dem Gelände, gleich nach den museal aufbereiteten Überresten der zu hunderttausenden hier vergasten Menschen. Wie man nach Räumen mit abrasierten Haaren, auch ganzen abgeschnittenen Zöpfen, oder aufgehäuften Schuhen, darunter jene von Kindern, noch an einen Imbiss denken kann, wird mir wohl auf ewig verborgen bleiben.

Gefühlskälter noch wirkt allerdings das junge Mädchen mit 80er-Jahre-Sonnenbrille, wehendem blonden Haar und fröhlicher Kleidung, welche sich von ihrem Vater mal vor den harten Pritschen der Häftlinge, mal in lässiger Pose auf den Schienen der „Judenrampe“ fotografieren lässt — man möchte hingehen und nachfragen, warum sie keine blau-weiß-gestreifte Kleidung angelegt habe, dies würde doch noch besser zum Ort passen…

Birkensprösslinge im Lager I, Staubteufel im Lager II Auschwitz-Birkenau, in einer Barracke liegt ein Strauß Osterglocken, der Geruch von altem Holz liegt in der Luft. Bilder aus Geschichtsbüchern, aus Fernsehdokumentationen vermischen sich mit dem soeben Gehörten, dem am Ort Gesehenen, unbegreiflich bleibt die Ruhe an diesem Ort, die trotz der vielen Besucher in der Luft liegt.

Auschwitz-Birkenau an einem Tag im April 2011