Mir ist neulich bei einer internationalen Fachtagung aufgefallen, dass ich die Berufsgruppe der Dolmetscher überhaupt nicht um ihre Arbeit beneide… Sie haben während ihrer langen Arbeitszeit, die sie zu zweit in einer Glasbox verbringen und sich den Mund fusselig reden, weder die Möglichkeit lautstark zu fluchen (das würde man auch im Auditorium hören!) noch sonstwie ihren Frust loszuwerden. Sie werden stattdessen fast wie Zootierchen beobachtet und — wenn die Übersetzung mal stockt — anstelle des tatsächlich Vortragenden vom Auditorium angefrustet. Respekt, wer das aushält!

Im Folgenden einige Auszüge aus meinen umfangreichen zweitägigen Studien an den o.g. Zootierchen. Dabei waren jeweils zwei Dolmetscher pro Glasbox für eine Sprachkombination — also beispielsweise Tschechisch-Deutsch/Deutsch-Tschechisch — mit einem eigenen ein- und ausschaltbaren Mikrofon ausgestattet. Sie wechselten sich teils mitten im Vortrag mit dem Übersetzen ab, je nach Grad der Verzweiflung mal früher, mal später. Der Vortragende sollte dazu einige Grundregeln kennen:

  • Möglichst viele Fachwörter aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen — eingebettet in möglichst langen, atem- und pausenlosen Text — sorgen für Munterkeit in der Glasbox.
  • Läuft dem Vortragenden die Redezeit ab, freuen sich die Dolmetscher auch sehr über ein noch weiter gesteigertes Sprechtempo, das hält fit!
  • Wenn dem Vortragenden etwas weniger elegante Formulierungen von den Lippen kommen, so nehmen die Dolmetscher auch gerne eine etwas vortragsglättende Aufgabe wahr. Füllwörter oder die eine und andere Sprachunsauberkeit können so einfach weggefiltert werden — zumindest für die Zuhörer anderer Sprachräume. So wird etwa die Formulierung, etwas “passt wie der Arsch auf den Eimer”, nur etwa ein Drittel der Anwesenden irritiert aufschauen lassen…
  • Wird die Verzweiflung in der Glasbox zu groß, können die Mikrofone auch mitten in der Übersetzungsarbeit kurzerhand ausgeschaltet werden, um sich gegenseitig das Leid zu schildern (oder vielleicht doch, um über den gerade Vortragenden zu schimpfen — aber leise!).
  • Ein Feldstecher ist übrigens Zeichen ausgiebiger Tagungserfahrung, da damit schlecht lesbare Beamer-Präsentationen doch intensiver betrachtet werden können. Dass dem Auditorium dies ausgerechnet ein Dolmetscher vormacht, der eigentlich wirklich nicht des Inhaltes der Vorträge sondern des Textes an sich wegen anwesend ist, scheint erst einmal merkwürdig, sagt aber viel über die Lernfähigkeit der Tagungsteilnehmer innerhalb und außerhalb der Glasbox aus…
  • Was sich scheinbar bisher nicht bei Dolmetschern herumgesprochen hat, ist die einfache Tatsache, dass neben dem gesprochenen Wort z.B. auch Handy-Vibrationen durch das Mikrofon übertragen werden! (Möglicherweise ist dies aber auch dem Umstand geschuldet, dass sie eher selten außerhalb ihrer Glasbox anzutreffen sind…)
  • Was die “Fütterung” angeht, sollte jedenfalls auf kohlensäurehaltiges Wasser verzichtet werden — dies sorgt im Allgemeinen für interessante Lautuntermalungen während des Vortrags.
  • Dolmetscher müssen übrigens mindestens drei Gehirnhälften besitzen! So haben sie nicht nur zwei unterschiedliche Sprachen und Textfortschritte — nämlich den des bereits vorgetragenen und des noch zu übersetzenden Textes — im Gedächtnis, sondern können parallel auch ihr Wörterbuch bedienen, dem Mitinsassen der Glasbox Nachrichten schreiben oder das von diesem im Gegenzug Notierte lesen und verstehen, Handys an- und ausschalten, Wasser einschenken und trinken usw. usf. — ohne jemals den Übersetzungsfaden zu verlieren…
  • Dabei scheinen die Dolmetscher Wert auf einen anständigen Vortrag zu legen: In vielen Fällen ist nämlich ihr (Zweit-)Vortrag lebendiger und gestenreicher, als der Originalbeitrag! Aber wozu brauchen Dolmetscher Gesten?
  • Längere Pausen in der Sprachübertragung resultieren übrigens aus Dolmetschern, die mit dem Fachwort-Bingo (analog zum Buzzword-Bingo) — noch dazu gemischt mit sächsischer Sprachausprägung = also Mundart + deutliches, also undeutliches Nuscheln — verständlicherweise völlig überfordert sind und dann achselzuckend in ihrer Glasbox sitzen und gar nichts mehr sagen!
  • Englisch scheint übrigens kompatibler zur Grammatik des Tschechischen zu sein, zumindest hatte der tschechisch-englische Dolmetscher regelmäßig weniger Satz(um)bauprobleme als seine Tschechisch-Deutsch übersetzenden Kollegen aus der Nachbarbox…
  • Und die korrekte Übersetzung für “Halden” — also diese Schutthaufen, die man z.B. in und um Freiberg findet — lautet nicht “Kippen”! Zudem könnte es sinnvoll sein, wenn es bei der Tagung im Großen und Ganzen um den böhmisch-mährischen Raum geht, als tschechischsprachiger Vortragender nicht unbedingt von “böhmischen Dörfern” zu reden — das hat im Deutschen irgendwie noch eine ganz andere Bedeutung! (Die Dolmetscherin hat dies übrigens auch ganz schnell gemerkt und musste herzlich schmunzeln…)

Aber mal ganz im Ernst: Die enorme Multitasking-Fähigkeit der vier während dieser Tagung schwitzenden Dolmetscher ist wirklich beeindruckend und bewundernswert gewesen. Ganz besonders aber muss ihnen ihre ausgeprägte Leidensfähigkeit (v.a. bei dem Thema), ihre Gelassenheit und gute Laune bis zur letzen Minute (also Freitagabend um kurz nach 8 Uhr) angerechnet werden, die sie trotz allem auch zum Schluss noch zeigen konnten! Bravo!!

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tictoc

Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig.

– Mark Twain

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Am letzten Wochenende, bzw. am ersten eisigen Wochenende diesen Winters, fand in Nassau/ Erzgebirge (nicht zu verwechseln mit Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, oder Nassau, dem Distrikt in Kanada) das alljährlich stattfindende Schlittenhunderennen statt. Ich weiß nicht, wie es in den letzten Jahren war, aber dieses Jahr war es ein wahres Erlebnis. Die Temperaturen schwankten zwischen gefühlten -30°C im Schatten des Waldes und wahrscheinlich echten 10°C in der Sonne. Das war allso nur dick eingemummelt erträglich. Für den Hobbyfotografen aber ein echtes Problem, wie jeder weiß, der schon mal bei diesen Temperaturen mit tiefgefrorenen Fingern das Objektiv einstellen und den Auslöser drücken wollte. Man könnte also durchaus sagen, dass es eine besondere Herausforderung an Mensch und Material darstellt, schnelle Schlittenhunde und ihre Schlittenhundeführer zu fotografieren.

Aber was jammere ich. Der Anblick dieser faszinierenden Gespanne aus Mensch und Tier und anderen Menschen, die die Hunde vom Frühstart abhalten müssen, entschädigt vollends. Ich bin tief beeindruckt. Überrascht war ich auch, denn im Gegensatz zu meiner (zugegeben geringen) Vorbildung und wahrscheinlich einer gehörigen Portion Vorurteil werden nicht nur Huskys vor die Schlitten gespannt. Auch Malamute und Deutsch Kurzhaar liefen mit. Man lernt nie aus.

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