Frösche

… werden über Straßen getragen.

Fahrradfahrerartenschutz gibt es nicht. Zumindest nicht in Dresden.

Zugegeben, die Gattungen der oftmals nicht phosphoreszierenden Kamikaze-Fahrradfahrer und der Fußgänger-Überfahrradfahrer mit Grün-Rot-Schwäche haben ihren Artenschutzanspruch meiner Meinung nach wirklich verspielt, aber was ist mit dem harmlosen und schutzwürdigen Rest der bedrohten Art des Fahrradfahrers?

Frosch

Nicht nur, dass ausgeschilderte Fahrradwege/kombinierte Fuß- und Radwege plötzlich ohne zweckdienliche Hinweise enden und einen vor die Wahl stellen, entweder StVZO-konform (= lebensmüde) auf der (von übermotorisierten Rasern) vielbefahrenen Straße weiterzufahren oder sich brav und schiebenderweise unter die Fußgänger einzureihen. (Oder, drittens, verbotenerweise auf dem Bürgersteig weiter zu fahren — und dabei zu riskieren, von brutalen Dresdner Bürgersteigbenutzern an den nächsten Baum/vor das nächste Auto geschubst zu werden…)

Nein, auch das StVZO-konforme Überqueren von Kreuzungen stellt den gemeinen Dresdner Radfahrer manchmal vor schier unüberwindbare Hindernisse. So ist oftmals weder anhand von Ampeln noch anhand der Bürgersteigpflasterung zu erkennen, wo man nun radfahren darf und wo nicht. Möchte man gar nichts falsch machen, braucht man als freiwillig Schiebender mehrere Ampelphasen, um nach links abzubiegen. Wer auf die Abbiegespur auf der Fahrbahn wechselt, zieht sich als Hindernis für flotte Autofahrer nicht nur deren Zorn zu, sondern landet im Zweifelsfall auch auf deren Kühlerhaube.

Selbst wenn es eigens auf der Fahrbahn eingezeichnete Fahrradfahrstreifen gibt, ist der Ausgang des Abenteuers im Großstadtdickicht ungewiss. Denn wenn diese ausnahmsweise nicht aus heiterem Himmel enden (am besten kurz vor einer Kreuzung, weil dort die zur Verfügung stehende Straßenbreite aufgrund einer Abbiegespur andernfalls nicht mehr für die vorgeschriebene Spurbreite ausreichen würde), steht man halt in einer eigenen Fahrradfahrer-Fahrspur an der Ampel und wartet auf Grün.

Und wartet.

Und wartet.

Und wartet.

Bis man merkt, dass die Ampel von einer Induktionsschleife in der Fahrbahn gesteuert wird, die man als Fahrradfahrer nicht auslösen kann, WEIL MAN EINFACH NICHT GENUG METALL UNTERM HINTERN HAT, UM DIE VERD… INDUKTIVITÄT DER SPULE ZU VERÄNDERN!

Es wäre schön, wenn Verkehrsplaner beim Planen von Fahrradstreifen in Dresden einmal mitdenken würden!

(…oder gleich ein Schild an die derartig nicht funktionierenden Ampel hängen würden, dass man als Fahrradfahrer auch bei Fußgängergrün eine Ampel weiter losfahren darf, solange noch kein Autofahrer die Hauptampel für einen selbst ausgelöst hat…)

DANKE!

Ärger den Dolmetscher (nicht!)

Mir ist neulich bei einer internationalen Fachtagung aufgefallen, dass ich die Berufsgruppe der Dolmetscher überhaupt nicht um ihre Arbeit beneide… Sie haben während ihrer langen Arbeitszeit, die sie zu zweit in einer Glasbox verbringen und sich den Mund fusselig reden, weder die Möglichkeit lautstark zu fluchen (das würde man auch im Auditorium hören!) noch sonstwie ihren Frust loszuwerden. Sie werden stattdessen fast wie Zootierchen beobachtet und — wenn die Übersetzung mal stockt — anstelle des tatsächlich Vortragenden vom Auditorium angefrustet. Respekt, wer das aushält!

Im Folgenden einige Auszüge aus meinen umfangreichen zweitägigen Studien an den o.g. Zootierchen. Dabei waren jeweils zwei Dolmetscher pro Glasbox für eine Sprachkombination — also beispielsweise Tschechisch-Deutsch/Deutsch-Tschechisch — mit einem eigenen ein- und ausschaltbaren Mikrofon ausgestattet. Sie wechselten sich teils mitten im Vortrag mit dem Übersetzen ab, je nach Grad der Verzweiflung mal früher, mal später. Der Vortragende sollte dazu einige Grundregeln kennen:

  • Möglichst viele Fachwörter aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen — eingebettet in möglichst langen, atem- und pausenlosen Text — sorgen für Munterkeit in der Glasbox.
  • Läuft dem Vortragenden die Redezeit ab, freuen sich die Dolmetscher auch sehr über ein noch weiter gesteigertes Sprechtempo, das hält fit!
  • Wenn dem Vortragenden etwas weniger elegante Formulierungen von den Lippen kommen, so nehmen die Dolmetscher auch gerne eine etwas vortragsglättende Aufgabe wahr. Füllwörter oder die eine und andere Sprachunsauberkeit können so einfach weggefiltert werden — zumindest für die Zuhörer anderer Sprachräume. So wird etwa die Formulierung, etwas „passt wie der Arsch auf den Eimer“, nur etwa ein Drittel der Anwesenden irritiert aufschauen lassen…
  • Wird die Verzweiflung in der Glasbox zu groß, können die Mikrofone auch mitten in der Übersetzungsarbeit kurzerhand ausgeschaltet werden, um sich gegenseitig das Leid zu schildern (oder vielleicht doch, um über den gerade Vortragenden zu schimpfen — aber leise!).
  • Ein Feldstecher ist übrigens Zeichen ausgiebiger Tagungserfahrung, da damit schlecht lesbare Beamer-Präsentationen doch intensiver betrachtet werden können. Dass dem Auditorium dies ausgerechnet ein Dolmetscher vormacht, der eigentlich wirklich nicht des Inhaltes der Vorträge sondern des Textes an sich wegen anwesend ist, scheint erst einmal merkwürdig, sagt aber viel über die Lernfähigkeit der Tagungsteilnehmer innerhalb und außerhalb der Glasbox aus…
  • Was sich scheinbar bisher nicht bei Dolmetschern herumgesprochen hat, ist die einfache Tatsache, dass neben dem gesprochenen Wort z.B. auch Handy-Vibrationen durch das Mikrofon übertragen werden! (Möglicherweise ist dies aber auch dem Umstand geschuldet, dass sie eher selten außerhalb ihrer Glasbox anzutreffen sind…)
  • Was die „Fütterung“ angeht, sollte jedenfalls auf kohlensäurehaltiges Wasser verzichtet werden — dies sorgt im Allgemeinen für interessante Lautuntermalungen während des Vortrags.
  • Dolmetscher müssen übrigens mindestens drei Gehirnhälften besitzen! So haben sie nicht nur zwei unterschiedliche Sprachen und Textfortschritte — nämlich den des bereits vorgetragenen und des noch zu übersetzenden Textes — im Gedächtnis, sondern können parallel auch ihr Wörterbuch bedienen, dem Mitinsassen der Glasbox Nachrichten schreiben oder das von diesem im Gegenzug Notierte lesen und verstehen, Handys an- und ausschalten, Wasser einschenken und trinken usw. usf. — ohne jemals den Übersetzungsfaden zu verlieren…
  • Dabei scheinen die Dolmetscher Wert auf einen anständigen Vortrag zu legen: In vielen Fällen ist nämlich ihr (Zweit-)Vortrag lebendiger und gestenreicher, als der Originalbeitrag! Aber wozu brauchen Dolmetscher Gesten?
  • Längere Pausen in der Sprachübertragung resultieren übrigens aus Dolmetschern, die mit dem Fachwort-Bingo (analog zum Buzzword-Bingo) — noch dazu gemischt mit sächsischer Sprachausprägung = also Mundart + deutliches, also undeutliches Nuscheln — verständlicherweise völlig überfordert sind und dann achselzuckend in ihrer Glasbox sitzen und gar nichts mehr sagen!
  • Englisch scheint übrigens kompatibler zur Grammatik des Tschechischen zu sein, zumindest hatte der tschechisch-englische Dolmetscher regelmäßig weniger Satz(um)bauprobleme als seine Tschechisch-Deutsch übersetzenden Kollegen aus der Nachbarbox…
  • Und die korrekte Übersetzung für „Halden“ — also diese Schutthaufen, die man z.B. in und um Freiberg findet — lautet nicht „Kippen“! Zudem könnte es sinnvoll sein, wenn es bei der Tagung im Großen und Ganzen um den böhmisch-mährischen Raum geht, als tschechischsprachiger Vortragender nicht unbedingt von „böhmischen Dörfern“ zu reden — das hat im Deutschen irgendwie noch eine ganz andere Bedeutung! (Die Dolmetscherin hat dies übrigens auch ganz schnell gemerkt und musste herzlich schmunzeln…)

Aber mal ganz im Ernst: Die enorme Multitasking-Fähigkeit der vier während dieser Tagung schwitzenden Dolmetscher ist wirklich beeindruckend und bewundernswert gewesen. Ganz besonders aber muss ihnen ihre ausgeprägte Leidensfähigkeit (v.a. bei dem Thema), ihre Gelassenheit und gute Laune bis zur letzen Minute (also Freitagabend um kurz nach 8 Uhr) angerechnet werden, die sie trotz allem auch zum Schluss noch zeigen konnten! Bravo!!