Grass hat einen Text geschrieben, den er Gedicht nennt. Dazu ist viel gesagt worden, auch Kluges, freilich selten, häufiger Bissiges, noch häufiger Pissiges. Die Kommunikationsgesetze öffentlicher Erregung greifen, dies ist hier schon einmal umrissen worden, längst die Substanz der Politik an. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit braucht einen Gegenpol der Information. Ihn zu schaffen, wäre die Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Medien. Doch solange wir Medienbedienstete haben, die an den Lippen von Ahmadineschad kleben, als starrten sie auf den Bart des Propheten, sind wir davon meilenweit entfernt. Wer Journalisten bei der Arbeit zusehen möchte, schaue Hardtalk in der BBC.
Um Grass’ Text herum sind drei unterschiedliche Problemkreise entstanden: Erstens, der zur Friedenspolitik im Nahen Osten bzw. der zur Friedenspolitik insgesamt, zweitens, der zur Gegenwart der Geschichte in der deutschen Politik und drittens, der zum Verhältnis von öffentlich und privat.
Dass Grass dabei ein Ausdrucksmittel gewählt hat, das seinem Image als Literat, gar Literaturnobelpreisträger, am nächsten kommt und vielleicht seinem Anliegen Gewicht verleihen sollte, hat außerdem eine Literaturdiskussion zur Folge, die zumeist ebenso unsachlich geführt wird, wie die zuvor benannten Probleme. So, wenn Frau Lewitscharoff gegenüber der FAZ äußert: “Wenn der Grass-Text ein Gedicht sein soll, dann habe ich gerade nach Verzehr einer Forelle mit Hilfe von zwei, drei melodischen Fürzen eine neue Matthäus-Passion komponiert.“ Die Denunziation von Lammert (anlässlich der Wahl des aktuellen Bundespräsidenten), Schneider und Zöllitsch (Osterpredigten), dass die Anonymität im Internet destruktive Potentiale freisetze, geht, dies zeigt das FAZ-Zitat, an der Realtität ebenso wie am zwischenmenschlichen Anstand vorbei. Die Kunst der Literatur, auch die von Frau Lewitscharoff, lebt von der Assoziation und damit von Missverständnissen, die sie herstellt. Sie erzeugt Nähe, wo es keine gibt, Begehren, das sich ein Gegenüber wahllos greift. Damit hat Grass ein Mittel gewählt, das von vornherein auf ein Missverstehen aus war.
Grass muss sich daher, weil es hierzu keine Alternative gibt, am Verstehen seines Textes messen lassen und kann sich auf die Position eines naiven Maulhelden, der über die Reaktion der Anderen erschrocken ist, nicht zurückziehen. Besinnen wir uns also auf seinen Text!
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
Planspiele rechneten also unser aller Ende ein, so Grass schon im ersten Absatz. Nur wessen Bilanz kann so noch positiv ausfallen. Rechnen hier Kamikaze-Kalkulatoren? Grass überträgt Kategorien der Friedensbewegung von vor 1989, die sich zwischen der Ost-West-Front zu positionieren trachtete, und verkennt dabei den Konflikt im Nahen und Mittleren Osten. Zwar ist der gegenwärtige US-amerikanische Wahlkampf nicht dazu angetan, über eine atomwaffenfreie Friedensordnung nachzudenken, eine lohnende Vision wäre es dennoch.
Im zweiten Absatz präsentiert uns Grass die Einen, sie kommen zum zwar organisierten aber friedlichen Jubel zusammen, offensichtlich willenlose Satrapen eines possierlichen Maulhelden und die Anderen, die dies jubilierende iranische Volk auslöschen wollen ebenso wie den Rest der Welt — wie man sich noch aus Absatz Eins seines Textes erinnert. Die Grass’sche Dramaturgie der Erzählung braucht Opfer und Täter. Israel ist in Grass’ Geschichte der Agressor und Iran das Opfer. Kein Wort über Ahmadineschads Vernichtungsreden gegen Israel. Im anschließenden Absatz streicht Grass, wiederum einseitig interpretiert, heraus: Israel hat Atomwaffen, der Iran nicht. Richtig: Es wäre wünschenswert eine atomwaffenfreie Friedensordnung zu schaffen. Ein erster Schritt wäre, dass die Staaten, die über Atomwaffen verfügen, Umfang und Art ihrer Waffen angeben. Freilich hat Israel über Jahrzehnte bereits bewiesen nicht im von Grass unterstellten Sinn zu handeln und diese menschenverachtenden Waffen einzusetzen, sondern diese zur Abschreckung genutzt.
In den Absätzen, die Grass dann folgen lässt, flechtet er die Vergangenheit der deutschen Geschichte in die Gegenwart ein und behauptet, dass die Kritik an Israel gerade in Deutschland unter Antisemitismusverdacht gestellt würde. Die, salopp gesagt, freudschen Versprecher, die ihm hierbei unterlaufen, geraten, inzwischen muss man sagen, gerieten, zur reinsten self-fulfilling prophecy. Selbstverständlich finden sich in einem Kommunikationsraum, selbst wenn er nur so groß wie Deutschland wäre, immer auch diese Stimmen und er sät reichlich Hinweise. Inzwischen fand auch Grass, dass die Kritik sich besser auf die gegenwärtige Regierung Israels bezogen hätte, als auf Israel insgesamt. Schließlich braucht Kritik, wenn sie nicht als Denunziation daher kommen will, immer einen konkreten Adressaten. Wenn Grass völlig überzeichnet schreibt: “an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind”, dann widmet Grass eine Chiffre des Holocaust um und macht uns Leser zu Opfern Israels, des Landes der Überlebenden des Holocausts. Dass er dabei die Bewaffnung Israels auch noch in den Kontext der Wiedergutmachung stellt, ist ein deutliches Zeichen, wie Grass hier mit der Verantwortung Deutschlands gegenüber seinen Verbrechen ringt. Die Steilvorlage für seine Kritiker hätte nicht präziser sein können. Wenn Grass’ o.g. Korrekturvorschläge ernst genommen werden, dann kann man daraus auch ein Verständnis von Grass heraus lesen, dass in seinem ursprünglichen Text Passagen als antisemitisch interpretiert werden konnten. Daraufhin den ganzen Kerl Grass als mythische Figur des ewigen Antisemiten dem ewigen Juden beiseite zu stellen, gelingt wohl nur Henryk M. Broder, der, wenn er die Wahl zwischen zwei schlechten Argumenten hat, immer beide wählt.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Grass zu bescheinigen aus seiner SS-Uniform nie herausgekommen zu sein, fokussiert die Debatte auf die moralische Prüfung des Autoren. Damit wird Privates zum Öffentlichen. Wenn Friedmann in Bild und Focus Grass vorwerfen kann, dieser habe „über 50 Jahre ‚vergessen’ und uns verschwiegen, dass er Mitglied der Waffen-SS war.“ Und weiter: In dieser Zeit habe Grass sich als „Aufklärer und engagierter Kämpfer gegen Antisemitismus und Nazis“ aufgespielt, dieses sei: „unglaubwürdig“ und „Heuchelei“, dann zeigt sich die Absurdität der Mediengesellschaft. Friedmann, der um eine zweite Chance bettelte nach dem und nicht bevor ihn die Polizei mit russischen Prostituierten und Koks erwischte, diskreditiert Grass mit dessen Zugehörigkeit zur Waffen-SS als 17-Jähriger. Moralisch anständig sollen sich eben immer die Anderen verhalten. Warum ein politisches Engagement für die deutsche Demokratie, wie es Grass lange Zeit vorgelebt hat, aber an die permante autobiografische Erzählung geknüpft sein soll, wird mir nicht verständlich. Vielmehr gilt es politische Argumente mit rationalen Überlegungen und nicht mit dem Charakter des Absenders zu prüfen. Völlig absurd wird dies in einem Gastbeitrag des Bundesaußenministers für die Bild-Zeitung: “Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd.” Offensichtlich vermeint der FDP-Mann, man könne aus einer moralischen Überlegenheit heraus die Souveränitätsrechte Irans verletzen. Vor solchen Politikern aber und vor Politikern, die Grass eine Einreise nach Israel untersagen, ist zu warnen.
Jüngste Kommentare