Judas

Amos Oz hat einen Roman auf Deutsch vorgelegt, den er Judas nennt. Seit der für die aktuelle deutsche Kultur denkwürdigen Debatte um Sarrazins krude Thesen verdanken wir Leon de Winter ein Bonmot über den Zusammenhang von jüdischer Intelligenz und Fisch. Oz‘ Judas verhält sich wie eine Fischgräte, die man verschluckt hat, wenn Judas zum einzigen gläubigen Christen verklärt wird. Schließlich hätte Judas lediglich der Vorhersehung gedient, wenn er Jesus für einen ganz und gar unglaubwürdigen Betrag an die Römer verraten hätte. Jesus, den ohnehin jeder in Jerusalem gekannt hätte, sträubte sich noch seiner Bestimmung zu folgen und wäre lieber in Galiläa geblieben, weiterhin damit beschäftigt Wunder zu tun, Wunder, die ihn als Heiler auswiesen, aber eben nicht als Messias. Die Show, die Judas sich erhofft hätte, die Show bei der Jesus zur Primetime vom Kreuz zu steigen gehabt hätte, bleibt aus und damit der Beweis für die zur Kreuzigung versammelten Juden und Römer, dass Jesus der Erlöser ist. Ja, das Reich des Friedens und der Liebe ist bis heute nicht von dieser Welt, wie Oz an der Staatsgründung Israels exzemplifiziert. Seine Helden sind Gefangene der Unfähigkeit zur Liebe, der Liebe zum Nächsten, zum Anderen, zu sich selbst oder der zwischen Mann und Frau. Frieden, gar ewiger, ist ohne Liebe jedoch nicht zu haben. So bleibt der Zauber von Oz im Halse stecken und seine Geschichte eine dieser Geschichten, die man sich in Jerusalem zu tausenden erzählt.

Rom

Ge_Schichte und Geschichten

Wo wir gerade bei Reenactment waren. Entgegen dem, was ZDF History und ähnliche Formate glauben machen, arbeiten Historiker und Archäologen bisweilen auch ernsthaft. Insbesondere Archäologen erstellen dabei unter anderem Typologien. Hier also eine Typologie von Reenactment:

Typ 1

  • Kolportation von Legenden, die in den Werken antiker und mittelalterlicher Geschichtsschreiber und Chronisten auf uns gekommen sind, also z.B. Diodor, der „Bild-Zeitung der Antike“ wie meine ehemalige Professorin gern und oft sagte. Oder war es Plutarch?
    Diesem Vorgehen verdanken wir die häufige Wiedergabe der immer gleichen Szenen, egal ob die Forschung es für wahrscheinlich hält, daß sie sich zugetragen haben oder nicht. Neben den Zweifeln an der historischen Authentizität bestimmter Begebenheiten ist natürlich auch die der Ausstattung ein echtes Problem. Im Gegensatz zu Spielfilmen wird ausgerechnet für Dokumentationen weder gründlich recherchiert noch das nötige Kleingeld aufgebracht. Und so reicht der Wert zusätzlicher visueller Informationen meist nicht über den des Videos zu Michael Jacksons „Remember the Time“* hinaus, nur daß man auch noch auf Eddie Murphy, Iman und Magic Johnson verzichten muß. Aber dafür hat man ja als Erzähler meist die Stimme von Robert Redford (Rolf Schult).
Typ 2
  • Reenactment großer wissenschaftlicher Entdeckungen:
    Nein, es war kein Kamerateam dabei, als der Schatz des Priamos und das Grab des Tutanchamun gefunden wurden. Daß 2002 beim Auffinden der sogenannten Königsgruft in Qatna (Syrien) zufällig ein Fernsehteam vor Ort war, ist ein einmaliger Glücksfall für das interessierte Publikum. Normalerweise sieht es eher so aus:
    Der Chef eröffnet dem Grabungsteam, daß sich ein Kamerateam angesagt hat. Erste Rückfrage: „Ist es die BBC?“ Heißt die Antwort nein, folgt Gemaule: „Zeitverschwendung“, „… als ob wir nichts anderes zu tun hätten in der knapp bemessenen Kampagne,“ „Interessieren die sich wirklich oder ist es wieder so ein Guido-Knopp-Kram?“ Natürlich ist es das. Also vorbauen: „Ich stell mich aber nicht in irgendein Loch und tu so, als würde ich da tatsächlich graben.“ Oder politisch korrekt: „Sollen doch die Grabungsarbeiter ins Bild, schließlich schippen die ja in Wirklichkeit.“ Fährt das Fernsehteam vor, verschwinden alle hochbeschäftigt in den Arbeitsräumen und der Chef muß allein raus aufs Feld mit ihnen. Das Fernsehteam möchte die Entdeckung von Fund XY nachstellen, natürlich ohne hinterher dem Publikum zu sagen, daß es sich um eine Nachstellung handelt. Blöderweise ist Fund XY im Grabungsmagazin aber nicht auffindbar oder schon den örtlichen Behörden übergeben worden. Also muß irgendein anderes Objekt herhalten, dem Laien fällt der Unterschied ja eh nicht auf („Knochen ist Knochen“). Im Film wird schließlich einer der heimischen Grabungshelfer, der zur Zeit der tatsächlichen Entdeckung vermutlich noch zur Grundschule ging, mit einem Spatel (ganz wichtig, eine Bürste oder ein Spatel muß immer im Bild sein, selbst wenn man im lockeren Wüstensand gräbt) den Fund „entdecken“ und freilegen. Dann, auch ganz wichtig, muß er aufgeregt zum Chef laufen, der das gute Stück in Augenschein nimmt und natürlich sofort bestimmen kann. Meistens wird es dafür auch noch sofort von seinem „Fundplatz“ aufgehoben (Wer braucht schon Einmessung und weitere Dokumentation, wenn der Wind der Geschichte ihn umweht?). Zurück im Grabungshaus müssen die Eindringlinge auch noch verköstigt werden. Das Grabungsteam hat aber, obwohl es nur in halber Stärke vor Ort ist, keinen Platz an der gemeinsamen Tafel finden können und so werden die Fernsehleute ausquartiert, an einen der Arbeitstische, der zuvor unter Protest abgeräumt worden war. Man verkauft ihnen das als Ehrenplatz. Nach ihrer Abreise herrschen Katerstimmung und Selbstverachtung.
Typ 3
  • Reenactment wissenschaftlichen Arbeitens:
    In dieser Form der Nachstellung brüten noch lebende oder schon tote Geistesgrößen in dunkel getäfelten und schlecht beleuchteten Bibliotheken oder Studierstuben über Originaldokumenten – möglichst Papyri, mindestens aber Pergamenthandschriften – oder streiten miteinander, bis ihnen plötzlich die entscheidende Textstelle auffällt oder die zündende Idee kommt. Weigert man sich, sich für den dramatischen Effekt in eine fachfremde Bibliothek setzen zu lassen und will obendrein nur die tatsächlichen Arbeitsmaterialien zeigen, oft langweilige moderne Editionen und Kataloge, wird der Dreh abgesagt. Wie soll man auch das visuelle Medium nutzen, wenn sich die Elfenbeinturmelite weigert, mit ihren Arbeitsprozessen den ästhetischen Ansprüchen des Redakteurs zu genügen? Deswegen war mein Chef noch nie im Fernsehen.
Wie man eine höchst gelungene Dokumentation macht, die ohne Peinlichkeiten auskommt und sogar fast keine Originaldokumente und -orte zeigt, die Spannung nur durch die Wiedergabe des Gelehrtenstreits erzeugt, haben Gérard Mordillat et Jérôme Prieur 1997 in ihrer Dokumentation „Corpus Christi“ gezeigt. Selbst auf Robert Redford konnten sie verzichten. Die Reihe besteht aus 12 Teilen à ca. 50 Minuten. Man langweilt sich nicht eine davon. Und das ganz ohne Klamottenkiste!
*Youtube scheint das Originalvideo nicht in voller Länge und den Song nicht unremixed zur Verfügung zu stellen, daher hier ein „Behind the Scenes“.