Wo wir gerade bei Reenactment waren. Entgegen dem, was ZDF History und ähnliche Formate glauben machen, arbeiten Historiker und Archäologen bisweilen auch ernsthaft. Insbesondere Archäologen erstellen dabei unter anderem Typologien. Hier also eine Typologie von Reenactment:

Typ 1

  • Kolportation von Legenden, die in den Werken antiker und mittelalterlicher Geschichtsschreiber und Chronisten auf uns gekommen sind, also z.B. Diodor, der „Bild-Zeitung der Antike“ wie meine ehemalige Professorin gern und oft sagte. Oder war es Plutarch?
    Diesem Vorgehen verdanken wir die häufige Wiedergabe der immer gleichen Szenen, egal ob die Forschung es für wahrscheinlich hält, daß sie sich zugetragen haben oder nicht. Neben den Zweifeln an der historischen Authentizität bestimmter Begebenheiten ist natürlich auch die der Ausstattung ein echtes Problem. Im Gegensatz zu Spielfilmen wird ausgerechnet für Dokumentationen weder gründlich recherchiert noch das nötige Kleingeld aufgebracht. Und so reicht der Wert zusätzlicher visueller Informationen meist nicht über den des Videos zu Michael Jacksons „Remember the Time“* hinaus, nur daß man auch noch auf Eddie Murphy, Iman und Magic Johnson verzichten muß. Aber dafür hat man ja als Erzähler meist die Stimme von Robert Redford (Rolf Schult).
Typ 2
  • Reenactment großer wissenschaftlicher Entdeckungen:
    Nein, es war kein Kamerateam dabei, als der Schatz des Priamos und das Grab des Tutanchamun gefunden wurden. Daß 2002 beim Auffinden der sogenannten Königsgruft in Qatna (Syrien) zufällig ein Fernsehteam vor Ort war, ist ein einmaliger Glücksfall für das interessierte Publikum. Normalerweise sieht es eher so aus:
    Der Chef eröffnet dem Grabungsteam, daß sich ein Kamerateam angesagt hat. Erste Rückfrage: „Ist es die BBC?“ Heißt die Antwort nein, folgt Gemaule: „Zeitverschwendung“, „… als ob wir nichts anderes zu tun hätten in der knapp bemessenen Kampagne,“ „Interessieren die sich wirklich oder ist es wieder so ein Guido-Knopp-Kram?“ Natürlich ist es das. Also vorbauen: „Ich stell mich aber nicht in irgendein Loch und tu so, als würde ich da tatsächlich graben.“ Oder politisch korrekt: „Sollen doch die Grabungsarbeiter ins Bild, schließlich schippen die ja in Wirklichkeit.“ Fährt das Fernsehteam vor, verschwinden alle hochbeschäftigt in den Arbeitsräumen und der Chef muß allein raus aufs Feld mit ihnen. Das Fernsehteam möchte die Entdeckung von Fund XY nachstellen, natürlich ohne hinterher dem Publikum zu sagen, daß es sich um eine Nachstellung handelt. Blöderweise ist Fund XY im Grabungsmagazin aber nicht auffindbar oder schon den örtlichen Behörden übergeben worden. Also muß irgendein anderes Objekt herhalten, dem Laien fällt der Unterschied ja eh nicht auf („Knochen ist Knochen“). Im Film wird schließlich einer der heimischen Grabungshelfer, der zur Zeit der tatsächlichen Entdeckung vermutlich noch zur Grundschule ging, mit einem Spatel (ganz wichtig, eine Bürste oder ein Spatel muß immer im Bild sein, selbst wenn man im lockeren Wüstensand gräbt) den Fund „entdecken“ und freilegen. Dann, auch ganz wichtig, muß er aufgeregt zum Chef laufen, der das gute Stück in Augenschein nimmt und natürlich sofort bestimmen kann. Meistens wird es dafür auch noch sofort von seinem „Fundplatz“ aufgehoben (Wer braucht schon Einmessung und weitere Dokumentation, wenn der Wind der Geschichte ihn umweht?). Zurück im Grabungshaus müssen die Eindringlinge auch noch verköstigt werden. Das Grabungsteam hat aber, obwohl es nur in halber Stärke vor Ort ist, keinen Platz an der gemeinsamen Tafel finden können und so werden die Fernsehleute ausquartiert, an einen der Arbeitstische, der zuvor unter Protest abgeräumt worden war. Man verkauft ihnen das als Ehrenplatz. Nach ihrer Abreise herrschen Katerstimmung und Selbstverachtung.
Typ 3
  • Reenactment wissenschaftlichen Arbeitens:
    In dieser Form der Nachstellung brüten noch lebende oder schon tote Geistesgrößen in dunkel getäfelten und schlecht beleuchteten Bibliotheken oder Studierstuben über Originaldokumenten – möglichst Papyri, mindestens aber Pergamenthandschriften – oder streiten miteinander, bis ihnen plötzlich die entscheidende Textstelle auffällt oder die zündende Idee kommt. Weigert man sich, sich für den dramatischen Effekt in eine fachfremde Bibliothek setzen zu lassen und will obendrein nur die tatsächlichen Arbeitsmaterialien zeigen, oft langweilige moderne Editionen und Kataloge, wird der Dreh abgesagt. Wie soll man auch das visuelle Medium nutzen, wenn sich die Elfenbeinturmelite weigert, mit ihren Arbeitsprozessen den ästhetischen Ansprüchen des Redakteurs zu genügen? Deswegen war mein Chef noch nie im Fernsehen.
Wie man eine höchst gelungene Dokumentation macht, die ohne Peinlichkeiten auskommt und sogar fast keine Originaldokumente und -orte zeigt, die Spannung nur durch die Wiedergabe des Gelehrtenstreits erzeugt, haben Gérard Mordillat et Jérôme Prieur 1997 in ihrer Dokumentation „Corpus Christi“ gezeigt. Selbst auf Robert Redford konnten sie verzichten. Die Reihe besteht aus 12 Teilen à ca. 50 Minuten. Man langweilt sich nicht eine davon. Und das ganz ohne Klamottenkiste!
*Youtube scheint das Originalvideo nicht in voller Länge und den Song nicht unremixed zur Verfügung zu stellen, daher hier ein „Behind the Scenes“.
Dez 142013

vw

Im Germanischen Nationalmuseum ziert die Stirnseite des Eingangsbereichs ein Objekt zur deutschen Einheit vom Oktober 1990.

 

Soweit zu dem, was Ausstellungsmacher und Künstler sehen oder zu sehen vorgeben. Hmm, dann schauen wir mal:

Diese Straßennamen repräsentieren laut Germanischen Nationalmuseum also den ideologischen Überbau der DDR.

Warum nun aber viele Graffiti, o.k. es sind keine Graffiti im eigentlichen Sinn, sondern lediglich Durchstreichungen und mal ein eingekratztes „PENIS“, nun aber die Wende-Jahre dokumentieren, versteht wohl nur, wer glaubt, dass es weder heute noch zuvor „Graffiti“ gab.

Auch der Hinweis, dass „die Beseitigung der Straßenschilder auf den Zustand des vereinten Deutschland hinweist“, kann nur als Ironie verstanden werden. Ist der im Germanischen Nationalmuseum repräsentierte „Ideologische ‚Überbau'“ der DDR doch wieder hergestellt. Die meisten dieser Straßennamen prägen auch heute noch das Stadtbild von Berlin.

http://www.xhain.info/friedrichshain/gabriel-max-str.htm

Dass die DDR aber so revanchistisch war, das hat mich dann doch überrascht. Da hilft auch nicht das folgende graffitifreie Schulze-Boysen-Straßen-Schild.

http://www.xhain.info/friedrichshain/gruenberger.htm

Der Feminismus ist auf der anderen Seite, auf der brutalen, angekommen.

Kathryn Bigelow zeigt uns in „Zero Dark Thirty“ eine CIA-Agentin, die jünger und härter ist als alle Anderen. So wirft z.B. ihr Folterausbilder — ein  Dr. phil. — das Handtuch, nachdem sich die politische Großwetterlage ändert und die eben noch legal Gefolterten nun wieder auf Rechte hoffen dürfen, die sie in den Stand versetzen sich zu wehren, z.B. ihre Peiniger anzuklagen oder schlicht auf Todeslisten zu setzen. Seine Begründung: Ich habe zu viele Männer entblößt.

Die Hauptfigur, um die herum sich der ganze Film dreht, ist ganz asketische Kriegerin. Ihr einziges Laster: sich von Junkfood zu ernähren und sich der gleichen zotige Sprache zu bedienen, wie jene Anderen, die noch Eier in der Hose haben. Sexualität spielt für die filmische Erzählung ihres beruflichen Erfolgs jedoch keine Rolle, ja, sie hat keinen und Freunde hat sie auch nicht. Nach diesem Satz beim „Socialising“ mit der Chefin explodiert das Marriott Hotel.

Sie ist also der „Motherfucker“, die den Aufenthaltsort Osama Bin Ladens für die CIA findet. Wenn sie ihren Chef zusammenstaucht und abgeht, dann geht er in einen engen Raum mit Anzugträgern, die sich still schweigend für ihn erheben. Sein Nachfolger im Amt wird gelernt haben, dass Leben ist besser, wenn es keine Meinungsverschiedenheit mit ihr gibt.

Zum Abschluss bekommen wir den Abschuss vorgeführt und damit die andere Seite, die Seite, die Obamas Kabinett der Welt nur widergespiegelt in ihrem Schauspiel gezeigt hat, die gezielte Ermordung Bin Ladens und Ko.’s in Pakistan, also die gezielte Ermordung des alten Terror-Patriarchen in einem souveränen Staat ohne das dieser Staat eingewilligt hätte.

Die entfesselte Gewalt der patriarchalisch organisierten Welt hat von nun an einen neuen Verbündeten, die Frau.

P.S.: In dieser Szene, in der die Protagonistin zunächst ans Ende des Besprechungstisches platziert wird, drehen sich die Machtverhältnisse. Dort, wo sie steht, ist von nun an vorn.

© 2013 Generatoren