Apostrophitis

Polemische Bezeichnung für die normwidrige Verwendung des Apostrophs, auch gerne bezeichnet als Deppenapostroph oder Idiotenapostroph.

— vgl. z.B. hier

Die Endung des Begriffes -itis lässt diesen als Fachbegriff für eine Krankheit wirken — sollte diese Wertung eines simplen Rechtschreibfehlers von dem Leser als zu stark empfunden werden, so bin ich fast geneigt mich dafür zu entschuldigen. Aber eben auch nur fast. Sofort muss ich wieder an das beinahe körperliche Unbehagen denken, das mir diese Sprachvergewaltigung beim Schlendern durch die Stadt, beim Autofahren über Land, beim Surfen durch das Netz inzwischen fast täglich bereitet.

In der Stadt erwischt es mich kalt bei Geschäftsnamen, Plakat- oder Türstopper-Wortkonstruktionen (à la Heike’s Bar, wo Snack’s verkauft werden und man samstag’s eine Aushilfe sucht — Zusammenhang erfunden). Beim Autofahren erregt die Aufschrift auf einem Kleintransporter (Mama’s Natursäfte) in nicht nur einer Hinsicht Übelkeit. Und im Netz ist sowieso Hopfen und Malz verloren, was eine gepflegte Rechtschreibung angeht…

Für die, die noch nicht genügend Unbill auf ihren normalen Wegen durch das Leben gesehen haben, gibt es viele Webseiten, die sich ausführlich dem Phänomen des Deppenapostrophs (z.B. hier, hier oder hier) widmen, so dass ich dies an dieser Stelle nicht auch noch auswalzen muss. Für die grafische Untermalung des Themas sorgt z.B. Flickr.

Es sei hier nur ganz kurz darauf verwiesen, dass man nicht immer alles richtig schreiben muss. Ein wenig Buchstabenkreativität kann auch ganz reizvoll sein. Wenn man allerdings für die Öffentlichkeit schreibt — noch dazu Kundschaft anlocken möchte — sollte doch die ein oder and’re  [Auslassung, daher Apostroph korrekt, Anm. d. Verf.] Gehirnzelle auf das verwendet werden, was schließlich überm [i.d.R. ohne Apostroph, da Verschmelzung von Präposition und Artikel] Schaufenster hängt oder vorm [s.o.] Eingang steht. Denn: Gegebenenfalls könnt’s [s.o.] auch Kundschaft vergraulen — mich zum Beispiel.

Es gibt natürlich noch viele weitere Schreibsünden in der Öffentlichkeit (z.B. die Verwendung des sogenannten Deppenleerzeichens oder die von Binde- und Gedankenstrich), aber über die lasse ich mich (vielleicht) später einmal aus. Bis dahin, Ihr Fülltext.

Herrscher und Beherrschte seien eins!

Ein Denkmal zur Deutschen Einheit soll es geben. Jener Deutschen Einheit, die zwischen friedlichen Demonstrationen des Jahres 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 geschaffen wurde. Kurz, ein historisches Ereignis, das durchaus ein Denkmal verdient. Die Kritiken sind jedoch vernichtend. So fröhnt Stefan Kuzmany im Spiegel ungehemmt seiner puritanischen Lust und will mit dem Geld lieber verhindern, dass „in Schulklassen der Putz von den Wänden bröckelt“. Ganz so war der Umgang im Sozialismus mit Kunst, sie hatte nützlich zu sein, besser noch im Nützlichen gänzlich zu verschwinden:

So also das Fieber zu bekämpfen in Kujan-Bulak, und zwar
Zu Ehren des gestorbenen, aber
Nicht zu vergessenden
Genossen Lenin.

Sie beschlossen es. An dem Tage der Ehrung trugen sie
Ihre zerbeulten Eimer, gefüllt mit dem schwarzen Petroleum
Einer hinter dem anderen hinaus
Und begossen den Sumpf damit.

So nützten sie sich, indem sie Lenin ehrten und
Ehrten ihn, indem sie sich nützten, und hatten ihn
Also verstanden.

Eine dialektische Selbstkasteiung, wie sie wohl nur vom ersten Staatskünstler der DDR, Bertold Brecht, zitiert werden konnte, ohne dass der Widerspruch zwischen Förderung seiner Kunst und der Kunst der Anderen auffiel.

Allein die Süddeutsche geht in ihrem Kunstunverständnis noch einen Schritt weiter. Hier schreibt Kia Vahland: „Moderne Kunst aber lässt sich keine positive Botschaft vorschreiben, und sei sie noch so wohlmeinend. Wenn sie sich einem guten Zweck unterwirft, verliert sie ihre Vieldeutigkeit und ihren Eigensinn, also ihre Existenzberechtigung. Das hat die Künstler abgeschreckt.“ Dass Moderne Kunst aber durchaus zu gesellschaftlicher Verständigung beitragen kann, haben nicht nur unzählige Künstler längst bewiesen, sondern ist auch in der Kunstgeschichte als Erkenntnis angekommen. So kann man es z.B. bei Hans Ernst Mittig lesen: „Kunstwerke können Signale geben, Emotionen wecken und die Motivation erzeugen, dann auch nachzulesen. Denkmäler wie die ‚Bibliothek‘ von Micha Ullman oder das von Stih und Schnock im Bayerischen Viertel zeigen, daß sie präzisere Gedanken unterstützen und wir unsere eigene Alltagserfahrung einbringen können.“

Vahlands Verweis, „das hat die Künstler abgeschreckt“, bleibt da nur skurril: Handelt es sich bei dem Denkmal zur Deutschen Einheit denn nun nicht um Kunst? Längst hat sich die Moderne Kunst über die Innungszugehörigkeit hinweggesetzt und die Kunst demokratisiert. So können Sascha Walz, deren künstlerisches Potential außer Frage steht, und ein Architektenbüro der Bürgerbewegung durchaus eine symbolische, eine künstlerische Form geben, die ein Angebot an die Interpretationsleistung des Bürgers ist. Aus der Betrachterposition herauszutreten und durch eigenes Tun das Denkmal mit Leben zu füllen gehört dabei zum Standardrepertoir moderner gegenständlicher Kunst und es gehört auch zum Thema des Denkmals der Deutschen Einheit. Die vom mittätigen und mitformenden Betrachter in Bewegung, in Schwung, versetzte Form haben die Gestalter auch thematisch zwischen zwei Pole gespannt: „Wir sind das Volk“ und „Wir sind ein Volk“.  Eine Nuance, die in der Tat erheblich war und ist, kurz, über die ein Nachdenken lohnt. Der Ruf „Wir sind das Volk“ war die Forderung der Rückgabe der politischen Macht an den Souverän, das Volk. Dagegen  stand „Wir sind  ein Volk“ für den Ruf nach der deutschen Einheit. Er war erst später auf den Demonstrationen zu hören und drückte die Forderung an die Bundesrepublik aus, als Gleiche am wirtschaftlichen Wohlstand teilhaben zu wollen. Hierüber ließe sich viel diskutieren. Eine Hoffnung, die ein gutes Denkmal auslösen sollte. Einlösen muss es  diesen Anspruch aber nicht vollständig und alle denkbaren Antworten selber geben, da bleibt auch bei diesem Denkmal Interpretationsraum für Historisches und für Politisches.

Und aus dem Jahr 1989 stammt der im Jahr 1990 mit dem Oscar ausgezeichnete deutsche Film „Balance„.

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Do you speak Italian?

Wenn der türkische Regierungschef im deutschen Düsseldorf Sprachenpolitik für „unsere Kinder“ betreibt, ist der deutsche parteipolitische Protest nicht minder irritierend. Geht’s noch? Das ist ja so, wie wenn Fidel Castro in Florida die Prohibition einführen will. Mal ganz abgesehen davon, wessen Kinder Erdogan da meint, seine werden es wohl nicht sein, auch wenn er jetzt öfters in Düsseldorf ist. Der Protest deutscher Parteien bezieht sich aber auf die Kindererziehung. Sie kritisieren nicht die Forderung bilingualer Erziehung, welch Anspruch in deutschen Haushalten, sondern die Reihenfolge des Spracherwerbs. „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen“, so Erdogan. Tja, wie müsste diese Forderung mit familiengeschichtlich gering ausgeprägter Wanderungstradition in Deutschland denn lauten? „Ihr müsst erst einmal Deutsch lernen und dann richtiges Deutsch!“ Was würden Schwaben, Franken, Sachsen oder die letzten Plattdütschsnacker dazu sagen?
Handelte es sich bei den Türken um die letzten Sprecher einer Amazonassprache, würde man natürlich wollen, dass sie sie als Muttersprache lernen, denn nur muttersprachliche Kompetenz sichert einer Sprache das aktive Überleben und den vollen Umfang ihrer Nutzung. Und niemand will, dass Sprachen aussterben (ist wie mit bedrohten Großkatzen). Da das Türkische nicht so richtig bedroht ist, findet man auf einmal, die Kinder sollten die offizielle Landessprache zuerst lernen. Natürlich kann man performativ perfekt zweisprachig sein. Dafür gibt es genügend menschliche Bilinguen auf der Welt. Ich glaube, dass es nur ein mitteleuropäisches Problem ist, Mehrsprachigkeit mit den daraus resultierenden Stufen unterschiedlicher Sprachkompetenz als Gefahr zu betrachten. Es gibt hunderte Millionen Menschen auf der Welt, die mehrsprachig sind.
Abgesehen von einer mit der „falschen“ Sprache einhergehenden Diskriminierungsproblematik, die ja auch zum Verschwinden vieler Sprachen führt, kann Mehrsprachigkeit allein also nicht so recht zum staatlichen Zusammenbruch führen, wie man bei dieser innerdeutschen Debatte manchmal denken könnte. Mir scheint das Problem ein rein soziales zu sein. Deutschstämmige Kinder aus gleich benachteiligten Verhältnissen beherrschen die deutsche Sprache ja auch nicht „besser“ als die „Türken“ und sind für die „höhere Ausbildung“ genauso gehandicapt. Und auch da muss man übrigens noch differenzieren, denn was manche Ghetto-Kids sprachlich veranstalten, deutet auf ein hohes Maß an Sprachkompetenz hin. Das Problem ist dann nur, dass diese Art von Kompetenz im deutschen Bildungsbürgertum, das sich noch am 19. Jahrhundert orientiert, nicht anerkannt wird. Sie dominieren uns aber sozial. Sie stellen die Leitkultur und wollen es auch weiterhin. Der Habitus exkludiert was verstört, bis er sich selbst überwindet. Mit welcher Lust und antibürgerlicher Attitüde Multilingualität in „A Fish Called Wanda“ von Jamie Lee Curtis und John Cleese in Szene gesetzt wurde, sollte Maßstab für diese Übergangszeit pluraler Wertvorstellungen sein.