Jan 312015

Ich war etwas skeptisch, ob und wie die „Party-Demo“ letzten Montag auf dem Dresdner Neumarkt als Signal zu bewerten ist. Schon bei der „Partei-Demo“ davor, Sie wissen schon: die Demo, bei der die meisten (zumindest gefühlt) vor Tillichs Wortbeitrag gingen, habe ich mich gefragt, wie viele der auf dem Neumarkt versammelten nur aufgrund von Parteitreue gekommen waren. Zur „Party-Demo“ fragte ich mich natürlich, wer von den Anwesenden allein für die Gratismusik kam. Werde ich in dieser Welt langsam zum Gewohnheitszyniker?

Seit sich die Pegidisten in Dresden montags regelmäßig zusammenrottenfinden und das städtische Leben punktuell verharren lassen (Durchsagen zu Fahrtausfällen an den Straßenbahnhaltestellen sind inzwischen vermutlich gefürchtet und gehasst) und sich ebenso regelmäßig (zum Glück!) ein (leider meist deutlich kleinerer) Menschenauflauf zu #nopegida-Aktionen bildet, fühle ich mich aufgrund vieler Dinge stark irritiert, ja geradezu in die permanent fragende Ratlosigkeit geworfen.

Zunächst: Es gibt gute Gründe für oder gegen etwas zu demonstrieren. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen, dass bei uns politisch oder gesellschaftlich alles in bester Ordnung sei. Aber warum fühlen sich diejenigen, die unter der Wortneuschöpfung „Pegida“ marschieren, zu unrecht als rechts oder ausländerfeindlich betitelt? Wenn ich ein Banner mit Schrift darauf hochhalte, muss ich doch auch damit leben, dass ich auf Grundlage eben dieser Bannerbeschriftung beurteilt werde, oder?
Wenn ich mich damit nicht identifizieren lassen möchte, gibt es genügend andere Demos, denen ich mich ersatzweise anschließen könnte. Die Pegidisten protestieren gegen eine Politik, die sich über den Bürger und seine Rechte und Freiheiten hinwegsetzt? Da gab es doch schon etwas: Freiheit-statt-Angst-Demo, Occupy Wallstreet bzw. Deutschland, letztens in Berlin gegen Tierfabriken, Gentechnik und TTIP, EU-weit geht man fröhlich gegen die EU-Politik auf’s Pflaster… Auswahl genug, oder? Und das ganz ohne braunes Geschmäckle. Als übergeordneten Demo-Slogan könnte ich mir z. B. auch #nomerkel vorstellen, steht unsere Bundeskanzlerin doch symbolhaft für den Ausverkauf der Demokratie, hier zwei beispielhafte Zitate zum Thema:

„Man kann sich nicht darauf verlassen, daß das, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, daß das in verschiedenen Weisen sich wiederholen kann.“

A. Merkel

„Man könne in Europa nicht zusammenarbeiten, wenn die Politik danach ausgerichtet werde, wie viele Menschen gerade auf der Straße stehen.“

A. Merkel

Jedenfalls steht für mich auch der Führer-Wechsel an der Pegida-Spitze (#jesuislutz? Ernsthaft?? Absurder geht es ja wohl kaum!!) nicht für einen Wechsel in der Marschrichtung der Anhänger (wobei wir inzwischen ja beim Wechsel vom Wechsel bzw. bei den ersten Auflösungserscheinungen [?] sind). Außerhalb von Konzerten fühle ich mich in (bzw. in der Nähe von) Menschenmassen, die lauthals skandieren, äußerst unwohl.
Und dieser Tage in Dresden klingt montags immer ein wenig „Geschichte“ mit — einerseits in der Vereinnahmung des Ausrufs „Wir sind das Volk“ („Wir sind das Volk“? Ihr gehört zum Volk, klar, aber das Volk besteht nicht nur aus 15-25.000 Menschen… Oder auch: „Der Mob ist das Volk in seiner Karikatur und wird deshalb so leicht mit ihm verwechselt“ — Hannah Arendt, zit. nach C. Leggewie).
Andererseits zeigt sich dies vor allem in der Einheit gegen Minderheiten in unserer Gesellschaft, in der unbestimmten Angst, die irrationalerweise gegen jene gerichtet wird, die unsere Gesellschaft — „durch die Hölle der Aufklärung gegangen“ (dieses absurde Zitat entstammte dem Munde eines Zuhörers einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung am 14. Januar 2015 [vgl. dort den Audio-Mitschnitt der Diskussion, Redebeitrag ab Min 16:20, Zitat ab Min 16:54]) — nicht gefährden, sondern nur bereichern können. (Randnotiz: Wer demonstriert eigentlich gegen Verkehrstote? … Gegen Alkoholleichen? … Gegen Krebs?)

Ich konnte mir trotz des Geschichtsunterrichts nie so richtig vorstellen, wie es in den 1930er Jahren zu dem Massenphänomen mit erhobenem rechtem Arm kommen konnte. Auch die Lektüre der „Welle“ war hier nur ungenügend anschaulich… Also danke, ihr Pegidisten, für den Live-Geschichtsunterricht, aber — bitte! — lasst das doch und geht zielführender und zu konkreten (Einzel-)Themen auf die Straße. Vielleicht verändert man damit ja auch was und wird von der „Lügen-Presse“ nicht nur in eine Ecke gestellt…

Was schlug man den zum Krüppel?
Weil sein Gewissen schrie
Da gab es nur ein Mittel
Und sie brachen ihm die Knie
Was steckte man dies’ Haus an?
Verbrannte Menschen am lebendigen Leib?
Sie sagen, es war die Farbe der Haut
Oder irgendeine andere Nichtigkeit
Was pfercht man diese Menschen in Lager?
Und gibt ihnen einen süßlichen Geruch?
Solange sie leben, graben sie in der Erde
Zum Sterben ist noch Zeit genug
Wer gibt da die Befehle?
Etwas muß doch da verantwortlich sein
Die Toten geben keine Antwort
Da fällt mir Celans Geschichte ein
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

— Text von Slime (musikalische Verarbeitung des Gedichts Todesfuge von Paul Celan),
am 26. Januar 2015 auf dem Dresdner Neumarkt dargeboten von Jupiter Jones

Mit diesem Liedtext komme ich zu meinem zweiten Punkt: Inzwischen habe ich etwas Zeit gehabt, über die von mir eingangs etwas sarkastisch als „Party-Demo“ bezeichnete Veranstaltung für ein weltoffenes Dresden nachzudenken. Natürlich standen die Künstler, die hier unentgeltlich auftraten, mit ihren Darbietungen zunächst klar im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, waren sie doch schon lange im Voraus (okay, mit ca. einer Woche Vorlauf) angekündigt. Auch kamen von ihnen die lautesten Töne des Abends.

Dresden -- bunt und offen

Demo-Ankündigung

Die leisen Töne zwischendurch waren jedoch nicht minder deutlich zu vernehmen: Redebeiträge und Videobotschaften verschiedenster Akteure, nicht nur der auftretenden Musiker selbst, sondern darüber hinaus auch von anderen Künstlern, von organisierten und unorganisierten Menschengruppen in Dresden und Deutschland.
Darunter waren Dresdner Studenten, das tjg, Mitarbeiter des Universitätsklinikums und des Max-Planck-Instituts in Dresden (jeweils aus aller Welt), Olaf-„Wir brauchen mehr Togetherness“-Schubert als „Vorzeige-Sachse“ (ähem), Annamateur (Vorzeige-Dresdnerin der Jahre 2004/05/11), Nemi El-Hassan (Poetry-Slammerin aus Berlin), Khaldun Al Saadi (Sprecher des Islamischen Zentrums Dresden, O-Ton vom Montag: „Der Islam geheert zu Saggsen genauso wie Bliemchengaffee zur Eiorschegge!„), natürlich die Organisatoren der anhaltenden Gegenproteste (Dresden-Nazifrei und Dresden für alle).
Vor allem aber sind auch einmal diejenigen zu Wort gekommen, die bereits länger aktiv gegen die herrschenden Missstände in der Asylpolitik kämpfen und versuchen, den Asylanten hier eine Stimme zu geben: das Dresdner Netzwerk Asyl Migration Flucht. Und dank des Netzwerks ergab es sich tatsächlich, dass — meiner Kenntnis nach zum ersten Mal auf einer dieser Pegida-Gegendemos — die Stimme einer Asylantin zu hören war. Sie stellte auf der Bühne (übrigens in sehr gutem Englisch, vom Netzwerk-Redner manchmal leider ein wenig verkürzt auf Deutsch wiedergegeben) wichtige Fragen an Politik und Gesellschaft, u. a. auch nach dem Warum der vielen Flüchtlinge weltweit. Sollten wir nicht einmal unsere Politiker fragen, welchen wirtschaftlichen Umgang wir mit jenen Krisengebieten pflegen, aus denen diese Menschen zu uns kommen?

Zum Dritten: Der Redner des Netzwerks Asyl Migration Flucht betonte übrigens zurecht, dass wir Flüchtlinge (ich generalisiere: Ausländer) nicht nur dann aufnehmen sollten, „wenn oder gar weil sie uns wirtschaftlich von Nutzen sind„. Wie schon auf der „Partei-Demo“ wurde auch auf der „Party-Demo“ immer mal wieder das Mantra bemüht, Dresden bräuchte Ausländer, um als Wirtschaftsstandort weltweit bestehen zu können, um innovativ, um leistungsfähig zu bleiben. Aber vorsicht! Wirtschaftsrassismus ist auch nur eine Spielart des momentan von #nopegida-Demonstranten regelmäßig und mit Nachdruck ausgebuhten Rassismus‘. Mit bunt, weltoffen, menschlich hat diese Art von Semipermeabilität, diese Unterscheidung in nützliche und unnütze Menschen, aber nun wirklich überhaupt nichts zu tun!

Eine schöne Geste zur Entkräftung der von Pegida stark vereinnahmten Deutschlandfahne war übrigens die Idee (der Veranstalter?), auf Papier gedruckte Flaggen aller Herren Länder unter den Demonstranten zu verteilen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren dann auch die vereinzelt wahrnehmbaren Flaggen der versprengt teilnehmenden Pegidisten auf dem Rückzug…
Hier komme ich gleich zu einem vierten Punkt: Es waren ja, dank der Vorverlegung der Pegida-Demo auf den Sonntag zuvor (damit auch Pegidisten an der „Party-Demo“ teilnehmen können — ein Schelm, wer böses dabei denkt), tatsächlich Pegida-Anhänger zu sehen und v. a. auch zu hören. Aber ist es nicht wirklich ein bisschen unterkomplex, allein beim bloßen Ansehen von Rednern (live oder in Form einer Videobotschaft) schon in die bekannten Pfui-Rufe auszubrechen, wenn auch nur der Zipfel eines Kopftuches zu sehen ist? (Ich bemühe mich bei Interviews mit Bosbach & Co. morgens im DLF doch auch, die ersten Antworten abzuwarten, bevor ich ausschalte!)
Hier übrigens ein total unscharfes Belegfoto des „Flaggenmeeres“ aus Richtung Frauenkirche, bevor die Kiste mit den Papierflaggen auch im hinteren, auf dem Foto noch überwiegend dunklen Teil der Menschenmenge ankam:

Auf der Demo "Dresden -- bunt und weltoffen!"

Auf der Demo „Dresden — bunt und weltoffen!“

(Es wurde doch mal wieder Zeit für ein schlechtes Handyfoto im Blog, oder? Es gibt aber wirklich bessere Ansichten der „Party“, z. B. dieses Hochstativ-Panorama, oder der bunt angestrahlten Altstadtsilhouette, so dass es auch bei diesem einen Handyfoto bleibt…)

Entgegen der von Pegidisten und anderen Unaufgeklärten bekochten Gerüchteküche sind die Veranstalter der „Party-Demo“ übrigens — auch finanziell — unabhängig von „König, Staat und Kirche“, wie es Prof. Gerhard Ehninger, Gründungsmitglied der Bürgerinitiative, formulierte. Kein Wunder also, dass der veranstaltende Verein „Dresden — Place to be!“ momentan ein tiefes Loch im Geldbeutel zu stopfen hat. Darum: Wer da war und mit Musik, Inhalt und Regen zurechtkam, werfe bitte mit Geldmünzen!

Und da aller guten Dinge fünf sind (oder so ähnlich), hier noch ein weiterer Irritationspunkt zum Abschluss: Wer am letzten Montag auf dem Neumarkt war oder sich das weiter oben verlinkte Panorama der „Party-Demo“ anschaut und sich dann einmal unvoreingenommen an die Bilder der „Partei-Demo“ Tillichs erinnert (oder auch selber da war), der fragt sich schnell, wie belastbar die jeweils von den Behörden genannten Demonstrantenzahlen wirklich sind. Sollen bei (bzw. vor) Tillichs Rede noch unfassbare 35.000 Menschen auf den Neumarkt gepasst haben, war jener am letzten Montag schon bei 22.000 Zuschauern angeblich so voll, dass alle weiteren Zuströmenden auf den Theaterplatz umgeleitet werden mussten.
Und da wundern sich noch viele Politiker, dass sich die Menschen auf der Straße nicht ernst, ja geradezu veräppelt fühlen? Meiner subjektiven Einschätzung nach waren die Menschenmengen auf dem Neumarkt an beiden Tagen zahlenmäßig mindestens vergleichbar — Enthusiasmus und Durchhaltewillen der Versammelten auch angesichts des feucht-kalten Wetters zur „Party-Demo“ allerdings ungemein höher!
Ich würde mir für die vergangenen und alle kommenden Demonstrationen jedweder Couleur seriöse Zählungen wünschen, die eine Vergleichbarkeit herstellen. Momentan kann man wohl weder den teilweise rasant ansteigenden Pegidisten-Zählungen noch den stark variierenden Zahlenschätzungen zu den Gegendemonstrationen vertrauen. Was wird wohl aus den ganzen Zahlen, wenn sich Pegida jetzt auch noch in mehrere Splittergruppen aufteilt? Werden die alle doppelt gezählt? Oder substrahiert sich der Staat das Problem einfach weg?

Ich möchte zusammenfassen: Lassen wir uns nicht für dumm verkaufen, laufen wir nicht einfach hinterher, denken wir selber nach und verschließen uns nicht vor Fakten. Augen auf! Statistiken kann man immer hinterfragen und nachprüfen, aber es gibt eine gewisse Grenze zwischen gesunder Skeptik und blanker Borniertheit.
Wie formulierte es der Sänger von Yellow Umbrella am Montag: „Man sagt: Die Welt ist rund. Und dann sagt ein Pegidist: Das ist aber nicht meine Meinung.“ (Alternatives Beispiel: Man[n] sagt: „In Sachsen gibt es ja irgendwie nur 0.2 Prozent Muslime.“ Und dann sagt eine Pegidistin: „Äh, ne, ich seh das anders…„) Leider ist mir bislang noch nicht eingefallen, wie man nach einem solchen Wortwechsel sinnvoll reagieren kann, ohne gleich — natürlich rein hypothetisch — das derart denkblockierte Gegenüber mit äußerstem Nachdruck zu fazialpalmieren.

Im Großen und Ganzen kann man wohl sagen (und ich bemühe hier wieder den Zyniker): Unreflektierter Zorn, der sich gegen die Schwächsten unserer Gesellschaft richtet, ist immer eine gute Grundlage für eine gesellschaftlich-politische Lageverbesserung — das wissen wir doch alle aus dem Geschichtsunterricht, gell?

Jan 032012

im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Räte, heulend in schlecht bezahlter Trauer WER IST DIE LEICH IM LEICHENWAGEN / UM WEN HÖRT MAN VIEL SCHREIN UND KLAGEN / DIE LEICH IST EINES GROSSEN / GEBERS VON ALMOSEN das Spalier der Bevölkerung, Werk seiner Staatskunst ER WAR EIN MANN NAHM ALLES NUR VON ALLEN.

— Heiner Müller —

 

oder wie es der alte Barde Degenhardt sang „Einsam und frei wie ein Baum und dabei brüderlich wie ein Wald, diese Sehnsucht ist alt“. Seit langem gibt es den Verdacht, dass der Unterschied zwischen Links und Rechts (Konservativ plus Liberal) darin besteht, dass die ersteren an den guten Menschen glauben, wohingegen letztere den Menschen aus krummem Holze geschnitzt fürchten. Freilich wird dabei gern übersehen, dass die Formel „Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann.“ eben dann doch auch nur eine Appellation an den guten Menschen ist. Ob die Rationalität der Handelnden aber diese Allgemeinheit umfassen kann oder aus ihrer individuellen Perspektive aus rationalen Erwägungen zum eigenen Vorteil tatsächlich umfassen sollte, bleibt offen, aber zu hoffen. Leider nehmen in der Demokratie die Werbeaspekte der Politik so zu, dass auch Frau Schleswig, um nur irgendein Beispiel zu nennen, vom Markenkern ihrer Partei spricht. Der Kern ihrer Partei bestand freilich für eine gar nicht so kurze Zeit ihrer Geschichte aus dem Blut der Arbeiter, heute jedoch nur noch aus der Option Jahreswagen von VW weiterverkaufen zu können. Bleibt die Hoffnung auf die, die zwar glauben aus krummem Holze geschnitzt zu sein, es jedoch wohl gerade deswegen nicht sind, und ihre Hoffnung nicht verloren haben, dass da draußen mehr sind, die ein Gemeinwesen für machbar halten und die Demokratie nicht nur für einen lobbyistischen Selbstbedienungsladen.

Aug 182011

Mehr und mehr scheinen mir Dystopien prophetische Qualitäten aufzuweisen. Nach den letzten Orwell’schen oder Huxley’schen Anleihen unserer Staatsmächtigen in Bezug auf Überwachung und Bildung gesellschaftlicher Klassen, erscheint ein weiterer Hinweis auf unsere derzeitige Reise in eine schöne neue Zukunft in der Rede des britischen Premiers Cameron am 15.8.2011.

Ich möchte an dieser Stelle einige Ausschnitte aus Camerons Reaktion auf die jüngsten „Ereignisse“ in London und anderen britischen Großstädten hervorheben:

It is a major criminal disease that has infected streets and estates across our country. Stamping out these gangs is a new national priority. […] We will fight back against gangs, crime and the thugs who make people’s lives hell and we will fight back hard. The last front in that fight is proper punishment.

Neue erste Staatsaufgabe ist also nicht, sich mit der Grundlage dieser „Ereignisse“ zu beschäftigen und die klaffenden Spalten zwischen den Klassen der britischen Gesellschaft anzugehen. Vielmehr wird nun auf das Symptom des Ganzen eingeschlagen in der Hoffnung, das Problem ließe sich so unter den Teppich kehren…

Die sprachliche Herangehensweise von Cameron — er spricht von einer „kriminellen Krankheit“ sowie von ganz klar abgrenzbaren kriminellen Grüppchen und zwielichtigen Einzelpersonen („gangs“ und „thugs“) — unterstreicht, wie ich finde, diese hoch problematische Negierung eines gesamtgesellschaftlichen Problems, welches demnächst wohl auch andere westliche Länder erreichen wird (bzw. schon lange erreicht hat). Denn je nach gesellschaftlicher Schicht sind in der Büchse der Pandora schlechte Bildungschancen, hohe Jugendarbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, niederschmetterndste Perspektivlosigkeit — und das alles Tür an Tür mit den Wohlstandsversprechen unserer „All you can eat“-Gesellschaft sowie den makellos glänzenden, hoch moralischen Heilsfiguren aus Wirtschaft, Politik oder Religion.

Ganz nebenbei bemerkt ist Camerons Nutzung des Begriffs „Krankheit“ übrigens auch historisch gesehen hoch problematisch ob der sprachlichen Nähe zum deutschen Faschismus, in dem Andersdenkende auch schon als „krank“ bezeichnet wurden…

Weiterhin meint Cameron in seiner Rede vor überwiegend jungen Leuten in einem Jugendzentrum in Oxfordshire:

I don’t doubt that many of the rioters out last week have no father at home. Perhaps they come from one of the neighbourhoods where it’s standard for children to have a mum and not a dad…

Da ist es doch nur gut, dass es so viele gute männliche Vorbilder im öffentlichen Leben gibt. Man denke nur an die vielen Politiker, Wirtschaftsmagnaten oder Prominenten, welche dank der Yellow Press uns unser ganzes Leben mit ihrer Tugendhaftigkeit begleiten. In diesem Sinne auch schön:

We need an education system which reinforces the message that if you do the wrong thing you’ll be disciplined…
…but if you work hard and play by the rules you will succeed.

Vielleicht ist hier das Bild einer Koranschule (natürlich westlich konnotiert) oder der HJ (analog im alliierten Sinne konnotiert) eine sehr extreme Assoziation, dennoch darf man sich an dieser Stelle wohl fragen, welche Regeln und welche Disziplinierungsmaßnahmen zu welchem Erfolg führen sollen.

Der folgende Ausschnitt gibt Hinweis auf das Ziel, nämlich die Wiederherstellung der allgemeinen Moral:

Do we have the determination to confront the slow-motion moral collapse that has taken place in parts of our country these past few generations?
Irresponsibility. Selfishness. Behaving as if your choices have no consequences. Children without fathers. Schools without discipline. Reward without effort. Crime without punishment. Rights without responsibilities. Communities without control.
Some of the worst aspects of human nature tolerated, indulged — sometimes even incentivised — by a state and its agencies that in parts have become literally de-moralised.

Demoralisierung führt Cameron also letztlich an als Grund für die Ausschreitungen der letzten Tage. Auch wenn andere Moralvorstellungen bzw. die Aufhebung gesamtgesellschaftlich anerkannter Wertesysteme sicherlich die Brutalität und Zerstörungswut dieser Ausschreitungen begünstigt haben, so sind diese Wertverschiebungen doch in der gesellschaftlichen Struktur und ihrem Wandel, ihrer Zersplitterung begründet. Camerons Aussage ist damit nicht falsch, jedoch bleibt die Demoralisierung eine Scheinbegründung.

Mit der Moral als erstem Gebot einer schönen neuen — heilen — Welt und dem „kranken, demoralisierten, gar amoralischen Gegner“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild konservativer Herrlichkeit gezeichnet. Camerons gesellschaftsumfassender Hinweis gegen Ende seiner Rede — „Moral decline and bad behaviour is not limited to a few of the poorest parts of our society.“ — scheint nach all seinen vorherigen Gedanken doch eher politisches Feigenblatt zu sein denn aufrichtiges Problembewußtsein. Auch sein Ausspruch„There is no ‘them’ and ‘us’ – there is us.“ steht ganz im Gegensatz zum anfänglichen Tenor:

„Those thugs we saw last week do not represent us, nor do they represent our young people – and they will not drag us down.“

Als Reaktion auf die gebrauchte Sprache drängt sich mir eine weitere Assoziation auf, nämlich folgender Slogan aus einer weiteren Dystopie:

Strength Through Unity,
Unity Through Faith.

— Slogan der Norsefire-Partei in V for Vendetta

Passenderweise spielen Comic und Comicverfilmung von „V wie Vendetta“ in einem düsteren, fiktiven Großbritannien von 1997, es wird also scheinbar Zeit, dass wir unsere Realität der Fiktion einmal annähern, sozusagen frei nach Dürrenmatts Figur Möbius in „Die Physiker“: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Dem Gedanken (bzw. im übertragenen Sinne der Sprache) folgt die Ausführung. Auch in diesem Falle?

Justitia

 

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