Zeit und Geschmack

In der Geschichtswissenschaft gilt seit Mitte des 19. Jahrhunderts, dass die Gegenwart des Betrachters die betrachtete Geschichte formt. Wieviel stärker muss dieses Moment sein, wenn die Geschichte sich als Unterhaltung dem Zeitgeschmack andient!

Aktuell kann man in der ZDF-Mediathek einen Historienschinken über Maximilian sehen. Die dummen und dreisten Bürger, die mit ihrem Geld kaum wissen wohin, vertreiben die Flüchtlinge. Gerade noch hatte die gütige Adlige tausenden Geflüchteten helfen wollen. Der Nachfrage, wer soll das bezahlen, begegnet sie mit einem

„wir schaffen das. 1

Was sagt dies nun über unsere Zeit?

1. Maximilian, Teil 2, ZDF, ca. 44:50

Antisemitismus mitten unter uns

Wie notwendig der öffentliche Druck war, um die Ausstrahlung der Dokumentation zum europäischen Antisemitismus zu erzwingen,* belegt die anschließende Diskussionsrunde (gestern für 75 Min. ab 23:45 Uhr), sprich zur Schlafenszeit.

Sie firmierte unter dem Familiennamen der auch anwesenden ‚Journalistin‘, ein Brauch den Olli Dittrich bereits pointiert karikierte. Maischberger brüstete sich einst in einem Radio-Eins-Interview mit ihrem Produzenten, dass sie am besten sei, wenn sie sich nicht vorbereitet. Offensichtlich hatte sie sich diesmal nicht an ihr Erfolgsrezept gehalten, denn schon zu Anfang verteidigte sie Ihre Entscheidung, die Filmemacher nicht einzuladen. Man würde dann über den Film reden und das wolle man nicht. Der Vorwurf seitens der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt, die Filmemacher hätten die von ihnen Bloßgestellten nicht selbst Stellung beziehen lassen, konnte so nicht aufgeklärt werden.

Kurz, der gesammelte Sachverstand, den die Sendung zusammengekratzt hatte, konnte zur Aufklärung der dem Film kritisch beiseite gestellten Dokumentation nichts beitragen. Vermutlich hielt man die Dokumentation auch nicht für eine diskursive Stellungnahme, sondern der Weisheit letzter Schluß. Auch dem anwesenden Historiker gelang es nicht, einen Einblick in historische Zusammenhänge zu öffnen, dabei hätte das Thema analytische Tiefenperspektiven nötig gehabt. 

Analysen wurden also nicht geboten, dafür aber Beispiele für jenen antisemitischen Morast, der wohl nur durch Bildung trocken zu legen ist.

Norbert Blüm, der eingeladen wurde, weil er schon einmal Israel einen Vernichtungskrieg unterstellt, begann seinen Redebeitrag zum Antisemitismus in Europa mit dem Verweis auf Sabra und Schatila. Die Entlastung von deutscher Schuld wird also über den Fingerzeig auf die vorgebliche Schuld des Anderen erledigt. Für den Christen Blüm, der Splitter im Auge des Anderen, stammt aus dem Balken im eigenen. So wie der Begriff Vernichtungskrieg aus dem Wüten der deutschen Wehrmacht stammt und Blüm ihn auf Israel münzt, so folgt Blüms Verweis auf Sabra und Schatila der gleichen Logik. Dieses Massaker christlicher Milizen, die im Libanonkrieg mit Israel verbündet waren, wurde von den Vereinten Nationen als Genozid eingestuft. Statt sich dem Antisemitismus in Europa zu stellen, zeigt Blüm also auf den vorgeblich durch Juden verübten Genozid. Also nicht etwa der Genozid der Deutschen an den Juden wird bei diesem Thema zur Sprache gebracht, sondern zwei sprachliche Formeln der deutschen Verbrechen auf die israelische Politik adaptiert.  In der Psychologie würde man von Übertragung sprechen. 

In Blüms Redebeitrag haben die Juden Schuld am Antisemitismus.

 

 

*Hier ein aktuelles Beispiel, das die thematische Dringlichkeit der Dokumentation verdeutlicht: –>. Die Kindsmordlegende hat ebenso eine historische Tiefendimension, wie die im Film behandelte Brunnenvergifterlegende.

Habermas darf nicht sterben!

Jürgen Habermas geht davon aus, dass die überbordende Diskursivität der Massenmedien, so wie sie zur Zeit agieren, den demokratischen Diskurs auf lange Sicht überschreibt. Bei Habermas heißt es:

Keine Demokratie kann sich das leisten.

Freilich ist Habermas viel zu optimistisch, wenn er den Massenmedien attestiert, einem „betreuenden Journalismus“ zu fröhnen, der sich um „das Wohlbefinden von Kunden kümmert“.

Zwar gibt es hierfür reichlich Beispiele, so steht die mediale Inszenierung sexuellen Missbrauchs von Kindern in der Tagesschau vom 14. Februar 2014 für die vorgebliche Sorge vor einem schweren Verbrechen, zumal der Gegenstand dieses Berichtes nur schwer in diesen Zusammenhang zu stellen ist, aber die öffentlich-rechtlichen Medien sind längst einen Schritt weiter. Wenn es hier nur um diese gehen soll, dann liegt dies daran, dass nur gegenüber den von allen Bürgern finanzierten Medien ein demokratischer Anspruch mit Nachdruck eingefordert werden kann.

Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.

Das jüngste Beispiel von Dunja Hayali zeigt, der öffentlich-rechtliche Journalismus will sich vor allem um sich selbst kümmern. Das eigene Erleben wird zur Projektionsfläche der über die Massenmedien verbreiteten Ängste und Sorgen um sich selbst. Selbstinszenierung statt relevante Information ist das künftig Zauberwort des Meinungsjournalismus. So kann auch billiger produziert werden. Die Sätze von Frau Hayali, die vorgeblich informieren sollen, lesen sich dann so:

Die Jugendlichen, die ich getroffen habe, sind über 4000 Kilometer gelaufen. Sie sind traumatisiert.

Auf eine Distanz von 4000 km, dies entspricht z.B. der Entfernung Berlin-Bagdad, findet sich also nur in Deutschland ein Platz zum Überleben?  Aber Frau Hayali hat sich nicht nur über 820 Stunden reine Gehzeit Gewissheit verschafft, sie weiß auch

Es gibt KEINE Asylschmarotzer. Das Asylrecht ist ein Menschenrecht.

Doch ist das noch journalistische Information oder schon propagierte Meinung? Rund 50% der Asylanträge werden in der Bundesrepublik abgelehnt. Verstößt jetzt das Recht der Bundesrepublik gegen das Recht von Frau Hayali. Sie, deren Eltern selbst die Gnade des Asyls genossen haben, weiß auch warum die Bundesrepublik jeden Flüchtling aufnehmen muss:

Deutschland sei nicht unschuldig an der Situation vieler Flüchtlinge.

Die Bundeswehreinsätze in den militärischen Konfliktzonen dieser Welt sind doch eher begrenzt, oder? Es ist doch nicht die Bundeswehr, die Iraker in die Flucht nach Deutschland schlägt. Frau Hayali wertet hier um. Die Bundesrepublik, die Asylsuchende aufnimmt, ist schlecht, aber diejenigen, die aus aktiven militärischen Konflikten fliehen, sind gut. Eine einfache Sicht, aber auch eine die der Prüfung standhält? Wechselnde militärische Fortune ist nicht an Moral gebunden. Es fliehen eben auch die Sieger von Gestern vor den Siegern von Heute. Freilich nur, wenn sie die Chance dazu haben und etwas das sie verkaufen können, um die Passage zu finanzieren.

Die Verzweiflung müsse groß sein, wenn man alles verkaufe und sich dann auf den Weg mache. (Vielleicht ist es auch die Schuld, die groß ist?)

Offensichtlich kann man zu den Positionen von Frau Hayali wohl auch Gegenpositionen formulieren, zumal die Journalistin es versäumt hat, überprüfbare, konkrete Informationen zu benennen, ansonsten wäre diese Diskussion nur mit dem Aufwand der Sachprüfung zu führen. Nun beschwert sich Frau Hayali über die Reaktionen. Sie unterschlägt dabei nicht nur die positiven Posts, sie hat ja auch Zuspruch bekommen, sondern sie nimmt wiederum die öffentlich-rechtlichen Medien in Anspruch, um Solidarität mit sich selbst einzufordern.

Ach, es ist keine Nachricht, dass es Bürger in diesem Land gibt, die Frau Hayali gerne verklagen kann. Es ist vielmehr Teil ihres Jobs, so wie beim Müllmann der Müll dazugehört.

Aber das sie die öffentlich-rechtlichen Medien nutzt, um sich selbst zu betreuen, steht meinem Bedürfnis nach Informationen von allgemeinem Interesse bei einem durchaus ernsten Thema, wie dem der humanitären Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik oder der Verantwortung in einer globalisierten Welt, entgegen.

ps: Die Einbürgerung, die volle Anerkennung als Bürger eines Staates, ist ein hohes Gut. Wenn Meinungsjournalisten, wie Friedrich Küppersbusch, den Beitritt der DDR mit der generellen Aufnahme von Asylsuchenden gleichsetzt, dann hat er, wie Frau Hayali, ein anderes Staatsbürgerschaftsverständnis, nämlich gar keins. Vielleicht findet sich dann doch einmal eine Talkshow im Privatfernsehen in der sie erklären können, wie sie sich eine Welt ohne Staaten vorstellen.

pps: Es geht in obigem Blogbeitrag um die Kritik an öffentlich-rechtlichen Medienbeiträgen, nicht jedoch um die Zuwanderung von rund 0,00625 Neubürgern in diesem Jahr auf jeden derzeitigen Bundesbürger gerechnet.