Typisch deutsch!

Endlich können wir — Gott sei Dank! — wieder über Autos reden, anstatt uns über die vermeintliche Flüchtlingskrise oder das böse Freihandelsabkommen TTIP, das (abgesehen von den internationalen Lobbyverbänden und geschmierten Politikern) eigentlich keiner will, Gedanken zu machen. Und was für Gedanken! Deutschland, so könnte man meinen, wird untergehen, weil VW an den Abgaswerten gedreht hat.
Nicht, dass ich diese Nachricht überraschend fand (also die bezüglich der gefälschten Meßwerte), denn Schummeln — seien wir doch ehrlich — gehört doch überall zum Marketing-Geschäft dazu. Oder ist das noch keinem zuvor aufgefallen, dass etwa die durchschnittlichen Spritverbräuche in den Herstellerangaben auch eher optimistisch sind? Jemand? Nein? OK…
Zumindest sind Rücktrittsforderungen an die Chefetage unserer liebsten Branche schnell ausgesprochen. Selbst wenn jene nicht von den Schummeleien gewusst habe, wäre ein Wechsel notwendig.

Aber

wenn Politiker Dinge versprechen, aber nach der Wahl nicht einlösen,

wenn Politiker (verfassungsfeindliche) Gesetze verabschieden, die das Verfassungsgericht — mit Ansage! — gleich wieder kassiert,

wenn Politiker Anordnungen be- oder Verträge abschließen, die uns im Nachhinein Milliarden kosten (Stichworte Atomausstieg [vom Ausstieg vom Ausstieg] oder TTIP),

wenn Politiker für Dronen, die bei uns nicht fliegen dürfen, Millionen verschwenden,

wenn Politiker allen das Sparen auferlegen und sich selbst die Diäten erhöhen,

wenn Politiker keine neuen Lehrer einstellen, obwohl rein rechnerisch klar ist, wieviel Kinder sieben Jahre nach ihrer Geburt in die Schule kommen,

wenn Politiker seit Jahren Warnungen vor dem jetzt — plötzlich! — über die zu erwartenden Flüchtlingsströme ignorieren,

(um nur einige Dinge zu nennen, die mir spontan einfallen)

gibt es (wenn überhaupt) Bauernopfer, maximal ein Hinwegloben der Verantwortlichen auf andere Posten…

Könnte sich „das Volk“ (und die Presse) hier mal bitte mehr aufregen?

— verzweifelt, LIG

Resonanzverstärker Landesverrat

Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat durch seinen Präsidenten unser Land verraten, und zwar als er das verfassungsrechtlich verankerte Korrektiv der Demokratie, die Pressefreiheit angriff. Freie Diskursivität ist das Herzstück einer Demokratie und Journalisten bestimmen den Herzschlag, nicht aber vermeintliche Wächter der Verfassung.

Netzpolitik.org hat eine neue strategische Ausrichtung des Bundesamtes öffentlich gemacht, für die der Gesetzgeber kein grünes Licht gegeben hat, namentlich die anlasslose massenhafte Ausschnüffelung aller Bürger, die im Internet miteinander reden, denn wir freien Bürger der Bundesrepublik sind alle Teil eines weltweiten Terrornetzwerkes, so die Begründung des Amtsleiters.

Wer aber braucht einen Verfassungsschutz, der die Verfassung untergräbt und freie Bürger in ihrer freien Meinungsäußerung als Terroristen auffasst.

Judas

Amos Oz hat einen Roman auf Deutsch vorgelegt, den er Judas nennt. Seit der für die aktuelle deutsche Kultur denkwürdigen Debatte um Sarrazins krude Thesen verdanken wir Leon de Winter ein Bonmot über den Zusammenhang von jüdischer Intelligenz und Fisch. Oz‘ Judas verhält sich wie eine Fischgräte, die man verschluckt hat, wenn Judas zum einzigen gläubigen Christen verklärt wird. Schließlich hätte Judas lediglich der Vorhersehung gedient, wenn er Jesus für einen ganz und gar unglaubwürdigen Betrag an die Römer verraten hätte. Jesus, den ohnehin jeder in Jerusalem gekannt hätte, sträubte sich noch seiner Bestimmung zu folgen und wäre lieber in Galiläa geblieben, weiterhin damit beschäftigt Wunder zu tun, Wunder, die ihn als Heiler auswiesen, aber eben nicht als Messias. Die Show, die Judas sich erhofft hätte, die Show bei der Jesus zur Primetime vom Kreuz zu steigen gehabt hätte, bleibt aus und damit der Beweis für die zur Kreuzigung versammelten Juden und Römer, dass Jesus der Erlöser ist. Ja, das Reich des Friedens und der Liebe ist bis heute nicht von dieser Welt, wie Oz an der Staatsgründung Israels exzemplifiziert. Seine Helden sind Gefangene der Unfähigkeit zur Liebe, der Liebe zum Nächsten, zum Anderen, zu sich selbst oder der zwischen Mann und Frau. Frieden, gar ewiger, ist ohne Liebe jedoch nicht zu haben. So bleibt der Zauber von Oz im Halse stecken und seine Geschichte eine dieser Geschichten, die man sich in Jerusalem zu tausenden erzählt.

Rom