Gesicht und Verlust

Politiker halten ihr Gesicht in die Masse. Ihr Gesicht gerät ihnen und der Masse zu einer Projektionsfläche. Wünsche werden wahr, wenn Prominente ihren Körper für Berührungen darbieten. Doch während Jesus noch mittels Berührung heilen konnte,  partizipiert man heute am Körper des Prominenten — den selbst und von anderen auserwählten — durch die Transformation in einen anderen Heilszustand. Eigene Unzulänglichkeiten schmelzen in der Sonne öffentlicher Aufmerksamkeit, die mit Anerkennung gleichgesetzt wird, wie Eis bei 40 Grad im Schatten.  Und doch sammelt sich unter der Maske der Szenerie ein Verdacht der Aufklärung, dass diese Inszenierung nicht real sein kann, dass sich unter dem Strahlen des Prominenten kein anderes Fleisch verbirgt, als jenes, das morgens aus dem Spiegel zu einem spricht. Der Wahrheit so nahe zu kommen, entzündet den Zorn der kürzlich noch Verzauberten. Jetzt wollen sie dem einstigen Idol das Fleisch vom Schädel reißen.

Kommunizierende Röhren

Die Politikberatung könnte aus der zu-Guttenberg-Pleite lernen, dass die beteiligten Elemente am Ende gleich niveaulos sind. Jeder der einbezogenen Kommunikatoren kann nicht besser sein als es das eingespeiste Problem hergibt.  Ein Minister, in dessen Amtszuständigkeit die Einhaltung jener Rechtsnormen liegt, die er verletzt, ist untragbar. Es sei denn, man gibt diese Rechtsnorm auf. Das ist aber nicht geplant. Jeder, der ihn jetzt verteidigt, muss also diese Rechtsnorm marginalisieren. Obwohl der Sachverhalt klar ist, wie ein Faustschlag auf den Tisch, wird die Unverantwortlichkeit des Ministers — im wahrsten Sinne des Wortes — zu einem Medienkrieg, von einer Meinungsumfrage abhängig, zu einer Entscheidung über den Charakter stilisiert. Nur geht es aber um das alles nicht. Die medialen Ablenkungsversuche halten das Problem aber akut und da es absurd ist, eben auch absurd. So wird zu Guttenberg von Bosbach am letzten Donnerstag im ZDF mit dem CDU-Argument verteidigt, es gibt Wichtigeres als die Vortäuschung falscher Tatsachen in Guttenbergs Promotionverfahren, das könnte noch jeder Ladendieb für sich in Anspruch nehmen. „Herr Polizist, es gibt doch Schlimmeres als Ladendiebstahl. Sie müssen mich laufen lassen! Machen Sie mich doch zum Kaufhaus-Detektiv!“ Bosbach ist übrigens Vorsitzender des Innenausschusses im Deutschen Bundestag, na das passt doch.

Und auch die Gegner können ihre Argumentation nicht verbessern, denn es bleibt bestehen: Wer auf weit über der Hälfte der zur Prüfung vorgelegten Textseiten das geistige Eigentum fremder Autoren als eigene Prüfungsleistung ausgibt, der kann nur wissentlich getäuscht haben (hier ist man bei über 70% der Textseiten), es sei denn, er war während der sieben Jahre Promotionszeit und jetzt während seiner Ministerzeit schlicht geistig abwesend. Schließlich hat er auch jetzt nicht die geringste Erinnerung an sein Plagiieren.

Beide Parteien legen es ab einem bestimmten Punkt der Auseinandersetzung auf die Ermüdung des Gegners an und ermüden doch nur das System.

Demoskopie: Das Volk im Kasten

Die grassierende Sitte, die Meinung sogenannter Meinungsforscher als legitimierendes Moment der Demokratie zu etablieren, ist in der zu-Guttenberg-Plagiats-Debatte zum überstrapazierten Argument geworden. So heißt jene Frage in hartaberfair vom 23. Februar, deren Beantwortung den Zuspruch der Bürger für den Verteidigungsminister zu Guttenberg ausweisen soll: „Kann zu Guttenberg im Amt bleiben?“ Nur was heißt das? Wird er im Amt bleiben oder soll er im Amt bleiben? Auf welche der beiden Varianten, die noch nicht einmal zwingend konträr, sondern nur unterschiedlich präzise sind, die Befragten geantwortet haben, bleibt wohl ihr Geheimnis. Der politische Wille des Staatsvolkes drückt sich in erster Linie immer noch in Wahlen aus, dann kann man auf Parteizugehörigkeit und vieles mehr schauen.