Nov 012016

…gab es in Dresden auch schon 1922:

Besorgter Bürger

(Gesehen auf dem Johannisfriedhof zu Dresden.)

Mein lieber besorgter Anwohner,

offensichtlich hat Sie meine letzte Einlassung nicht erreicht. Sonst hätte ich wohl das hier nicht im Briefkasten gefunden:

angst2

Dann sollte ich jetzt wohl etwas deutlicher werden:
Sie, mein Bester, sind ein Rassist!

Mir ist klar, dass der Begriff in letzter Zeit eher inflationär benutzt wird. Schaut man sich allerdings einige der gängigen Definitionen – vor allem im Hinblick auf Ihre letzten geistigen Ergüsse – an, bleiben kaum andere Deutungsmöglichkeiten.

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.
Albert Memmi

[…] dass Rassismus vorliegt, wenn eine ethnische Gruppe oder ein historisches Kollektiv auf der Grundlage von Differenzen, die sie für erblich und unveränderlich hält, eine andere Gruppe beherrscht, ausschließt oder zu eliminieren versucht.
George M. Fredrickson

Kommen wir also zum „Text“:
Sie haben, ganz im Sinne des Sankt-Florian-Prinzips, kein Verständnis dafür, dass in Ihrer Nachbarschaft in einem seit Jahren ungenutzten Gebäude ein paar Flüchtlinge untergebracht werden.

  • Weil die Unterkunft mitten in einem Wohngebiet liegt?
    Wo sollte man Menschen sonst unterbringen? Im Industriegebiet weitab der Zivilisation, abgesperrt mit Maschen- oder noch besser Stacheldraht?
  • Weil in der Nähe eine evangelische Schule liegt?
    Es ist ja bekannt, dass alle Muslime Radikale sind, die alle anderen Religionen zutiefst verabscheuen, und nichts anderes zu tun haben, als den lieben langen Tag kleine blonde evangelische Mädchen zu schänden.
    Wie damals die Juden, gell?
  • Oder wegen der beiden (!) Kindertageseinrichtungen?
    Wie ich im letzten Artikel bereits geschrieben habe, weiß ich nicht, was Ihre Quellen sind, diese sollten Sie aber nicht zu ernst nehmen.
  • Einen validen Punkt muss ich Ihnen allerdings zugestehen: Es nicht hinzunehmen, dass die Stadt Dresden kein Sicherheitskonzept hat.
    Irgendwie müssen die armen, traumatisierten Flüchtlinge ja vor paranoid-rassistischen Spinnern wie Ihnen geschützt werden.

Um das Thema abzuschließen:

  • Sie verallgemeinern von einigen Deppen, die ihre Libido nicht unter Kontrolle bekommen, dass alle Flüchtlinge bzw. muslimischen Männer Vergewaltiger, schlimmstenfalls sogar Pädophile sind.
  • Für Sie sind alle Flüchtlinge gefährliche Kriminelle, die in einem Wohngebiet nichts zu suchen haben, vor denen die Anwohner aber zumindest geschützt werden müssen.

Ich jedenfalls werde mich am 22.3. gerne mit Ihnen austauschen, eventuell besteht ja noch Hoffnung.

Was man in Dresden nicht alles im Briefkasten findet:

angst

Mein lieber, besorgter Anwohner, ich weiß natürlich nicht, was Sie so für Medien konsumieren.
Mir jedenfalls war bisher nicht zu Ohren gekommen, dass sich „täglich […] dutzendfach sexuelle oder gewalttätige Übergriffe durch Flüchtlinge an Frauen und Mädchen“ ereignen. Quellen können Sie gerne in den Kommentaren nachreichen.
Was mir allerding aus eigener Erfahrung (als bekennender Lovecraftleser) bekannt ist, ist die Tatsache, dass der übermäßige Genuss von Schauergeschichten bei kindlichen Gemütern zuweilen paranoide Angstzustände hervorrufen kann.
Eventuell sollten Sie die Wahl Ihrer Nachtlektüre überdenken.

Zugeben muss ich allerdings, dass auch ich jetzt „A N G S T“ habe. Angst nämlich, dass meine Freundin und meine Tochter hier an Leute geraten könnten, für die scheinbar alles Fremde gefährlich und alle Asylbeweber Vergewaltiger sind.

In diesem Sinne,
Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.

Sehr dünn.

Man kann ja zu unseren „Eliten“ stehen, wie man will, aber wer Gewalt als Lösung propagiert, muss mit Assoziationen von Steinzeit und Mittelalter, nicht aber mit solchen von aufgeklärten „Dichtern und Denkern“ leben können:

„Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würden sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln.“

— Tatjana Festerling (Pegida) am Montag (11.01.2016) in Leipzig

Glücklicherweise ist die Mehrheit der Bürger in Deutschland noch bei Verstand und versucht nicht, jede Diskussion mit einem Schlag ins Gesicht des Gegenübers für sich zu entscheiden.

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