+++ Gerade passiert!: Nichts +++

Ich rege mich zu oft auf. Das ist schlecht für die Gesundheit.

Ich sollte es machen wie unsere Kanzlerin. Das „Prinzip Merkel“. Nur da auftreten, wo man eine gute Figur machen kann, erst etwas sagen, wenn das Problem schon gelöst (oder anderweitig vom Tisch) ist, alle Kontroversen meiden und sich nur mit denen anlegen, die eh nichts dagegen tun können (Griechenland oder Spanien beispielsweise).

Richtig? Falsch!

  • Da hören die USA die halbe restliche Welt ab und verwanzen unsere EU-Abgeordneten. Es passiert? NICHTS!

Na gut, eine Notfallsitzung im deutschen Bundestag. Die einzigen Opfer davon werden die NSA-Agenten gewesen sein, welche vor lauter Lachen tot umgefallen sind.

  • Die Briten schneiden den gesamten Verkehr auf den transatlantischen Unterseekabeln mit und stellen auf deutsche Nachfrage nur lapidar fest, dass die Regierung über Geheimdienstfragen nicht spricht. Es passiert? NICHTS!

Ich hätte ja wenigstens den britischen Botschafter einbestellt… und dann des Landes verwiesen! Wenn DAS die Vorstellung Großbritanniens von der Europäischen Union ist, sollten wir besser den Eurotunnel wieder verfüllen! (Ich hätte ja sprengen gesagt, aber wer weiß, auf welcher Liste ich dann wieder gelandet wäre…)

  • Amerikanische Drohnen töten Menschen auf Basis von Mustererkennung. (Der hat einen Bart, der treibt sich im Kaffeehaus XY rum: „Kill it with (Hell)fire!“) Ohne Verhandlung oder wenigstens belastbare Beweise.
  • Sie sperren Mr. Snowdens Pass, obwohl das nach internationalem Recht gar nicht möglich ist, solange ein Asylverfahren läuft.
  • Sie sperren Ausländer, Deutsche und selbst Amerikaner, auf Jahre hin ein und unterziehen sie Praktiken, die jeder normal denkende Mensch nur als Folter bezeichnen kann. Alles ohne auch nur die Aussicht auf ein (faires?) Gerichtsverfahren. Es passiert? NICHTS!

Warum hat Obama, der das als wiedergewählter Präsident zu verantworten hat, noch keiner seinen sowieso auf Pump verliehenen Friedensnobelpreis aberkannt? Edward Snowden oder Bradley Manning wären weiß Gott bessere Kandidaten.

  • In Russland werden drei Punk-Girlies auf Basis von (zugegebenermaßen kruden) Gesetzen für etwas, was sie tatsächlich verbockt haben, auf vier Jahre ins Arbeitslager geschickt. Was passiert? NICH… Moment… Ein Aufschrei geht durch die westliche Welt. Justizwillkür! Unrechtsstaat!

Von Gustl Mollath wird man darüber wohl nur ein sehr bitteres Lachen hören und die bayrische Justizministerin ist auch noch im Amt.

Stattdessen echauffiert sich das politische Establishment lautstark darüber, dass ein inzwischen wohl hart an der Senilität schrammender Literaturnobelpreisträger und Zwiebelschäler seine, nicht ganz von der Hand zu weisende, Meinung über Frau Merkel und ihre politische Sozialisierung kund tut.

Aber, meine lieben Politiker, euer Stimmvieh hat euch selbige nicht gegeben, damit ihr im Fernsehen gut ausseht (selbst das schaffen die Wenigsten) oder debil vor euch hin schwadroniert (das können schon einige mehr).
Ihr sollt Probleme ansprechen (s.o.) und diese im Sinne eurer Wähler lösen. Dabei darf man dann auch mal Tacheles reden, auch und besonders unter Freunden und Verbündeten.

Nachtrag: Warum sind es eigentlich die kleinen Länder wie Bolivien oder Ecuador — jene, die tatsächlich etwas zu verlieren haben — die den USA die Stirn bieten? Warum sind es nicht die „Bollwerke der Demokratie“, Deutschland, Schweden oder Frankreich? Aber die Grande Nation mit ihrem ach so sozialistischen Staatsoberhaupt leitet ja lieber in (vorauseilendem?) Gehorsam Präsidentenflugzeuge um, damit diese in Österreich durchsucht werden können. So sieht also „Liberté, Égalité, Fraternité“ im modernen Frankreich aus?

Man schämt sich Europäer zu sein.

Pussy statt Putin

Während in Deutschland die Grüne Partei in trauter Gemeinsamkeit mit Union, FDP und SPD die körperliche Kennzeichnung für männliche Juden mit einem Sonderrecht regeln will und die katholische Kirche Blasphemie wegen des Titanic-Titels im Gesetz verankern möchte, sieht man am aktuellen Urteil in Russland, wohin der Abschied vom säkularen Staat führt.

Zwei Jahre Haft klingt unfassbar viel und ist es auch. Obwohl die Pussys sich bei den Gläubigen entschuldigt hatten, hat das Gericht diese Entschuldigung nicht gewürdigt und damit gezeigt, es ging um die politische Botschaft und nicht um die Verletzung der religiösen Gefühle. Für die politische Botschaft gab es seitens der Mädchencombo keine Entschuldigung und zu Recht nicht. Auch wenn der SPD Kanzler a. d., Gerhard Schröder, Putin noch als lupenreinen Demokraten bezeichnete, kann davon für Russland keine Rede sein. Hierfür bräuchte es ein Bürger- und kein Oligarchentum, d.h. hierfür bräuchte es privates Eigentum, Rechtssicher- und Meinungsfreiheit.

Bis dahin ist der Weg weit und, ob man ihn für diese lange Zeit auf dem Rücken kleiner, verrückter und sehr schlechte Musik machender Mädchen austragen muss, mag verantworten, wer will. Es ist in jedem Fall ein Jammer.

Die Stunde der Ideologen

Wenn die Pussy-Riots in einer orthodoxen Kirche kreischen „Putin pisst sich in die Hose“ (3Sat, Kulturzeit), dann ist das politischer Widerstand für die Freiheit. Wenn die Titanic den Papst als nicht ganz dicht aufs Cover setzt, dann ist das dekadent (Thomas Goppel, CSU). Dekadent war übrigens auch der Terminus der SED für unliebsame Kultur und das hieß für unterdrückte Kultur.

Der umstrittene Titanic-Titel war für mich als Gelegenheitskäufer ein Grund dieses Heft nicht zu kaufen, aber eben kein Politikum. Ob man überhaupt die Persönlichkeitsrechte des Papstes verletzten kann oder nicht vielmehr, solange man ihn nicht als Herrn Ratzinger beleidigt, er diese Form der Meinungsfreiheit hinzunehmen hat, wird ein Gericht oder auch mehrere zu klären haben. Schon jetzt aber zeigen sich die Ideologen, die Wächter von Wahrheit und Moral, denen so wenig vertraut ist, wie eine republikanisch verfasste Demokratie lebendig bleibt.

p.s.: Ich geh mir dann mal doch das aktuelle Titanic-Heft holen.