Die Großasiatische Lösung

Aus der Türkei erreichen die Redaktionsstuben erste Nachrichten und schon wittern die Ahnungslosen, die Desinformierten, Konjunktur. Da will man nicht hintenanstehen und bloggt.

Seit geraumer Zeit reagiert die Türkei darauf, dass sie vom Westen trotz treuester NATO-Dienste als Schmuddelkind behandelt und über vermeintliche oder tatsächliche Defizite ihrer Demokratie belehrt wird. Sie schaut sich nach neuen Verbündeten um, die ihrer Kultur eher entsprechen. Der gleichzeitige Druck auf Russland durch die NATO und die Verlagerung ihrer Vornewegverteidigung nach Osteuropa schafft ein asiatisches Bündnis, dass in Europa eigentlich keiner braucht.

Jetzt also ein erfolgloser Militärputsch in einem Land dessen Herrschaftsstruktur eher durch das Militär, denn durch demokratische Institutionen geprägt ist. Da viele der Militärs im Westen ausgebildet wurden, stand es ähnlich wie in Ägypten eher für ein westliches Bündnis. Jetzt sollen diese Truppen also nicht einmal im Stande sein, ihr eigenes Land zu besetzen.

Medienhypegerecht wendet sich Erdogan via iPhone an sein Volk und außenpolitische Sprecher (Liebich) ergreifen Partei und faseln, dass der Diktator demokratisch abgewählt werden solle. Wieviele Ermächtigungsgesetze soll der Patriarch denn noch erlassen. Jetzt bekommt er aber außenpolitisch bestätigt, dass er demokratisch legitimiert ist. Während dessen inszeniert er die spontane Unterstützung des Volkes, die ihm künftig zur Legitimierung seiner Macht dienen dürfte. Was braucht man eine repräsentative Demokratie, wenn man direkt gewählt werden kann. Ermächtigung statt Berechtigung ist sein künftig Zauberwort.

Rund 760 Militärs sind bereits verhaftet, damit dürfte Erdogan das Militär auf vollkommene Loyalität gestutzt haben. Hat er diesen Putsch vielleicht selbst inszeniert?

Asien ist der aufstrebende Kontinent, Europa verspielt gerade seine Chancen, den Johnsons sei dank.

 

Während dessen fürchtet sich die NATO in Polen vor Russland.

Rassismuskeule

In einem Schulbuch des Bundeslandes Baden-Württemberg, Bildung ist Ländersache, ist unten stehende Karikatur gedruckt. Schon länger gibt es die rhetorischen „Totschlagargumente“, die versuchen aus harmlosen Mäusen mediale Mammuts zu machen. Die FAZ, in deren Umfeld die Karikatur ursprünglich erschien, vermeldet den offiziellen Protest der Türkei. Die Abbildung sei „ein Spiegelbild des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit“ in der Bundesrepublik. Unter dem „Deckmantel der Freiheit“ werde zu „Hass und Islamophobie“ angestachelt. Vorfälle wie der Abdruck der Karikatur, „die unseren Präsidenten und unsere in Deutschland lebenden Bürger beleidigt“, seien der wahre Grund „für das Scheitern der Integrationspolitik, da sie ein Gefühl der Ausgeschlossenheit unter Türken und Muslimen in Deutschland schaffen.“ Also das einzig Rassistische ist die Scharf(sic)-Rasse. Wie sich Erdogan beleidigt fühlen kann, weil das Haus in dem der Hund des Türken wohnt, die Aufschrift Erdogan hat, das weiß wohl nur wer türkischer Staatsdiener ist. Ja, Mahlzeit, aber auch!

 

Do you speak Italian?

Wenn der türkische Regierungschef im deutschen Düsseldorf Sprachenpolitik für „unsere Kinder“ betreibt, ist der deutsche parteipolitische Protest nicht minder irritierend. Geht’s noch? Das ist ja so, wie wenn Fidel Castro in Florida die Prohibition einführen will. Mal ganz abgesehen davon, wessen Kinder Erdogan da meint, seine werden es wohl nicht sein, auch wenn er jetzt öfters in Düsseldorf ist. Der Protest deutscher Parteien bezieht sich aber auf die Kindererziehung. Sie kritisieren nicht die Forderung bilingualer Erziehung, welch Anspruch in deutschen Haushalten, sondern die Reihenfolge des Spracherwerbs. „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen“, so Erdogan. Tja, wie müsste diese Forderung mit familiengeschichtlich gering ausgeprägter Wanderungstradition in Deutschland denn lauten? „Ihr müsst erst einmal Deutsch lernen und dann richtiges Deutsch!“ Was würden Schwaben, Franken, Sachsen oder die letzten Plattdütschsnacker dazu sagen?
Handelte es sich bei den Türken um die letzten Sprecher einer Amazonassprache, würde man natürlich wollen, dass sie sie als Muttersprache lernen, denn nur muttersprachliche Kompetenz sichert einer Sprache das aktive Überleben und den vollen Umfang ihrer Nutzung. Und niemand will, dass Sprachen aussterben (ist wie mit bedrohten Großkatzen). Da das Türkische nicht so richtig bedroht ist, findet man auf einmal, die Kinder sollten die offizielle Landessprache zuerst lernen. Natürlich kann man performativ perfekt zweisprachig sein. Dafür gibt es genügend menschliche Bilinguen auf der Welt. Ich glaube, dass es nur ein mitteleuropäisches Problem ist, Mehrsprachigkeit mit den daraus resultierenden Stufen unterschiedlicher Sprachkompetenz als Gefahr zu betrachten. Es gibt hunderte Millionen Menschen auf der Welt, die mehrsprachig sind.
Abgesehen von einer mit der „falschen“ Sprache einhergehenden Diskriminierungsproblematik, die ja auch zum Verschwinden vieler Sprachen führt, kann Mehrsprachigkeit allein also nicht so recht zum staatlichen Zusammenbruch führen, wie man bei dieser innerdeutschen Debatte manchmal denken könnte. Mir scheint das Problem ein rein soziales zu sein. Deutschstämmige Kinder aus gleich benachteiligten Verhältnissen beherrschen die deutsche Sprache ja auch nicht „besser“ als die „Türken“ und sind für die „höhere Ausbildung“ genauso gehandicapt. Und auch da muss man übrigens noch differenzieren, denn was manche Ghetto-Kids sprachlich veranstalten, deutet auf ein hohes Maß an Sprachkompetenz hin. Das Problem ist dann nur, dass diese Art von Kompetenz im deutschen Bildungsbürgertum, das sich noch am 19. Jahrhundert orientiert, nicht anerkannt wird. Sie dominieren uns aber sozial. Sie stellen die Leitkultur und wollen es auch weiterhin. Der Habitus exkludiert was verstört, bis er sich selbst überwindet. Mit welcher Lust und antibürgerlicher Attitüde Multilingualität in „A Fish Called Wanda“ von Jamie Lee Curtis und John Cleese in Szene gesetzt wurde, sollte Maßstab für diese Übergangszeit pluraler Wertvorstellungen sein.