Volker Kassandra Pispers sehen und sterben.

Pispers tourt, oder muss man sagen torturt, nun schon seit über 30 Jahren durch die Bundesländer, aber sein Ruf nach mehr Demokratie und mehr sozialem Engagement verhallt in den Abendkassen der Kleinkunstbühnen. Inzwischen füllt er auch die großen Häuser. Karten muss man ein Jahr vor seinem Auftritt buchen, man kann sich auf unsere Politik verlassen, die Pointen des politischen Kabaretts treffen auch nach 365 Tagen immer noch die Richtigen, so manches Mal auch dieselben.

In bester Tradition der Narren bestreitet er seinen Lebensunterhalt, indem er uns einen Eulen-Spiegel vorhält. Das Publikum wird schon einmal kräftig beschimpft, weil es sich Politiker gefallen lässt, die Politikverdrossenheit in Politikabstinenz transferieren wie unser aller Kanzlerin oder die Alterssenilität als präsidialen Habitus verkaufen und nebenbei Weltgen-darm spielen. Oder weil es sich Massenmedien gefallen lässt, die es unterlassen die Bürger mündig aufzuklären, dafür aber mit Skandalen versorgen, Skandalen, denen kaum Relevanz in der Demokratie zukommt und die wir im Regelfall nicht demokratisch beeinflussen können.

Pispers Spott zielt auf die pseudoreligiöse Verherrlichung des Kapitalismus, die etwa Herr Tauber jüngst im Deutschen Bundestag vorgeführt hat. Dort versprach er „alle profitieren von TTIP“ und unterschlug dabei, dass Kapitalismus erfolgreiche Konkurrenz ist. Denn einer, und nicht nur einer, wird verlieren müssen. Gerade die TTIP-Debatte im Deutschen Bundestag hat gezeigt, welch schamlose Debattenkultur wir Bürger uns gefallen lassen, etwa wenn Hubertus Heil, nachdem sein Parteikollege Tiefensee Die Linke als Kindergartengruppe verspottete, dieselbe Linke beschimpft, sie solle doch von Beschimpfungen Abstand nehmen, denn das sei schlechter parlamentarischer Stil. Er hätte aber auch seine Fraktionskollegen rügen können, etwa Herrn Wiese oder besagten Tiefensee. Frau Dröge hat dann doch noch einmal gezeigt, wie parlamentarische Arbeit geht, oder Sascha Raabe, was einen Sozialdemokraten ausmacht.

Dem großen Rätsel der Parteiendemokratie, wie in diesen Gruppendynamiken Vernunft absorbiert und nicht hinreichend produziert wird, setzt Pispers ein „mehr Demokratie“ entgegen und das Denkgebot, bei Eigennutz immer darauf zu achten, wie der Eigennutz als allgemeines Gesetz dennoch Chancen für Alle offenhält.

PS: Schmeißt doch endlich die dreisten Dummköpfe aus den Parteien! Auf Vernunft kann man doch nicht hoffen wie im Russisch-Roulette auf die Kugel.

Morgen war’s schöner

Weil’s gestern schlimmer ist. Oder so ähnlich. Die philosophischen Hintergründe des Abends sind mir leider nicht so sehr im Gedächtnis geblieben, wie das allgemeine Gefühl befreiten, manchmal gequälten Lachens. Und ja, einige Witze waren wirklich schlecht, aber ich habe ja auch keinen Humor. Zumindest war ich ehrlich und habe bei eben diesem Vorwurf von der Bühne herab zustimmend geklatscht…

Aber ganz im Ernst, das Programm „Morgen war’s schöner“ zum 40-jährigen Bühnenjubiläum von Wolfgang Schaller in der Dresdner Herkuleskeule, ein „Best of“ — oder, wie der pessimistische Sachse (aka Rainer Bursche) sagt — am besten offhörn (zum Glück nicht!), war eine äußerst gelungene Zusammenstellung von bitterböser Satire, feinem Witz, großartigen Gesangseinlagen — vor allem an Birgit Schaller ist mit der Stimmgewalt ja wohl eine Opernsängerin verloren gegangen (aber dann hätte ich sie nie singen hören) — und minimalistischem, aber vielseitigen Bühnenbild aus drei weißen, unterschiedlich großen Stühlen.
Dabei drehte es sich immer um Ost und West, um Faulheit und Arroganz, um Politiker, um Merkel, um Banker, um politisch korrekte und unkorrekte Witze und natürlich Hannes, einen Kleingärtner und Lion’s-Club-Angehörigen (bestimmt!) aus der ersten Reihe. Der mitreißende und immer — mal abgesehen von seiner Rolle als missverstandenem Banker — optimistische Erik Lehmann vervollkommnete die Bühnencrew (sächsisch gesprochen „Kreff“), die die Texte von Wolfgang Schaller, teils mit viel Akrobatik und immer zwischen den Stühlen (Bühnenbild), einem geneigten Publikum zukommen ließ.
Das Programm umfasste viele herrliche Bilder, für die es sich definitiv lohnt, ins Kabarett zu gehen. So ist beispielsweise die Neuvertextung der Internationale als Ode an den Kapitalismus, komplett mit Pioniergruß und Flaggenappell, an Bissigkeit und bösem Realismus kaum zu überbieten — und natürlich ohne die großartige Zwei-Mann-Band an der Bühnenseite nicht denkbar („Oh, Bach!“)…

Mein unbedingter Rat also an die Leser: Nichts wie hin in die Herkuleskeule und nicht nur einen schönen Abend genießen, sich dabei politisch und gesellschaftlich kritisch fühlen und mit gutem Gewissen zu Lohn und Brot für die Herkuleskeulenschwinger etwas beitragen! Wem das Lachen hier im Halse stecken bleiben sollte, der kann es ja — frei nach Volker Pispers — getrost in der Pause mit einem Gläschen Sekt herunterspülen. Und bitte den Farbfilm nicht vergessen!