Apfel mit Wurm – 3

Man mag sich ja über die Herkunft und die Anwendbarkeit des Ausspruches „Never change a running system.“ streiten, aber es gibt doch Situationen, in denen man ihn mit Nachdruck den Entwicklern und vermeintlichen Verbesserern unserer täglichen technischen Plagen entgegenschleudern möchte… So kämpfe ich seit dem OS X Mountain Lion mit der Idiotie derer von Apple, die ein bewährtes Element der täglichen Kommunikation mit anderen Menschen einfach so umbenannt haben: das Adressbuch. Hieß es früher in der von mir genutzten englischen OS-X-Version schlicht Address Book, findet man es nun unter Contacts!

Warum das schlimm ist? Ich habe mehrere Tage gebraucht, mich als alter Quicksilver-Nutzer daran zu gewöhnen, nicht „ad + ↵“ sondern „c + ↵“ als Kürzel zu tippen, um das Adressbuch mittels Quicksilver aufzurufen. Nun könnte man mir vorwerfen, ich wäre ein Gewohnheitstier — aber wer ist das bitteschön nicht? Viel schlimmer ist, dass Apple inzwischen Dinge ändert, ohne dass es praktische Gründe dafür gäbe.

Die bisher als heilbringend gepredigte Angleichung von OS X an iOS für iPhone oder iPad hier anzuführen, ist dabei wohl eher ein schlechter Scherz. Denn warum sollte man eine Produktiv-Umgebung, wie Mac OS X es einmal war, an eine Daddelei-Umgebung für unterwegs anpassen? Und sollte mir jemand erzählen, dass er iPhone und iPad als kompletten Notebook-Ersatz zum Arbeiten gebrauchen kann, müsste er mir dies wirklich einmal beweisen! Ich kann das jedenfalls nicht…

Vielmehr behindert mich Mountain Lion mit den ganzen geAppten Bestandteilen stark am flüssigen und produktiven Arbeiten. Da ist nicht nur Contacts anzuführen, das übrigens auch im Aussehen an die mobile App angepasst wurde und wie Calendar in Lederoptik Seriösität heuchelt, aber etwa als Fenster nicht mehr maximiert werden kann. Gut, kleines Problem, irritiert aber.

Schlimmer wiegt eine klitzekleine Änderung im Finder, nämlich die inzwischen entfernte praktische Option, in der Spaltenansicht die Dateivorschau zu minimieren. Hierauf möchte ich in einem folgenden Artikel gesondert eingehen, da dieser Umstand leider weitreichendere Probleme nach sich zieht, als man dies zunächst erwartet. Auch auf die nervtötenden Eigenschaften des App Stores möchte ich an dieser Stelle noch nicht eingehen. Wirklich unmöglich ist, dass Apple schon wieder so an Mail gebastelt hat, dass das GPG-Mail-Plugin für Mountain Lion nicht funktioniert und von den Open-Source-Entwicklern auf ein Neues langwierige Anpassungsarbeiten erfordert. Dieser Zyklus wiederholte sich bisher nach jedem Mac-OS-Update, aber Apple bietet leider keine sinnvolle Mail-Verschlüsselung frei Haus, so dass man dieses Spielchen immer mitmachen muss…

Abseits der Produktiv-Programme hat sich auch bei der Wohlfühl-Software ein mehr oder weniger leises Unwohlsein eingeschlichen… So bringt etwa iTunes inzwischen etwa einen Haufen iCloud-Gedöns mit, aber keine Funktion, mit der man die auf einem NAS abgelegte Musik automatisch in einer „Smart Playlist“ bzw. „Intelligenten Wiedergabeliste“ zusammenführen kann. Klar, es gibt eine Auswahl nach „Ort“ — aber „ist/ist nicht“ und „auf diesem Computer/iCloud“ als Optionen sind nicht wirklich hilfreich! Ich habe nichts in der Cloud (das fehlte noch, dass ich die Kontrolle über meine Daten gänzlich abgebe und diese auf amerikanischen Servern zur gefälligen Durchsicht ablege) und „auf diesem Computer“ umfasst für Apple scheinbar auch die auf dem NAS liegenden Daten. Super!

Das iCloud-Zeug kann man glücklicherweise als paranoider Mac-Nutzer noch ignorieren, aber möchte man die zugehörigen neuen Funktionen einfach wie gewohnt über die Programmeinstellungen deaktivieren (wie früher den Store dort im Kindersicherungs-Bereich), geht das z. B. bei iTunes-Match nicht. Hier nötigt einen Apple dazu, die entsprechende Oberfläche anzusteuern und extra auf einen Nein-Danke-Knopf zu klicken, damit der üble Zauber aus der Programmbedienung verschwindet. Darauf muss man erst einmal kommen — die neue Anwenderfreundlichkeit ist phänomenal!

Worin bestehen jetzt also die großartigen („awesome„) Innovationen, wenn Änderungen grundlos oder nur halb durchdacht vorgenommen werden? Vielleicht ist ja ein Grund für das geAppe, dass man der potentiellen neuen Käufermehrheit — den iGadget-versessenen Trendfolgern — einfach keine komplexen, vermeintlich zu komplizierten Dinge mehr zutraut? Schließlich hat Apple inzwischen ja mehr Mobilgeräte verkauft, als ihr traditionelles Produkt, den Mac. Kein Wunder, dass es einige langjährige Mac-Nutzer gibt, die für ihre Arbeits- und Wohlfühlumgebung auf alte Versionen (z. B. Snow Leopard oder iTunes 10.7) downgraden möchten oder nach Software- oder gar OS-Alternativen suchen — und sich nach einer Zeit sehnen, in der sie die Zielgruppe waren.

Arm dran, wer sich auch nicht mit der komischen Kachelbedienung von Windows 8 anfreunden mag, aber gerne weiterhin tolle Adobe-Programme (offline) nutzen möchte. Für alle anderen gibt es bestimmt die eine oder andere fesche Linux-Distribution frei Haus!