Die Stadt ein Fest

Die Eventisierung der Städte ist nicht nur seit den frühen 90er ein beliebtes Thema in der Stadtsoziologie, sondern in den Städten Genuss und Freude der Bürger. Die Stadt hat sich allen Unkenrufen zum Trotz als Kulturraum gegen eine weiträumige Zersiedelung des Landes erhalten. Lange Nächte der Museen, der Wissenschaft und nun Theater verschaffen der Primetime unserer Freizeitgesellschaft sinnvolle Bewährungsräume. Versteht man doch den ganzen kulturellen Reichtum und dessen städtische Verteilung gerade dann, wenn man zum Schnäppchenpreis von Spielstätte zu Spielstätte reist und, wie jüngst in Dresden, die Spielfreude von der Bürgerbühne bis zum Opernhaus, vom Amateurtheater bis hin zum fest bestallten Profihaus mit internationalem Renommee besuchen darf. An einem Abend, in einem Event, sind alle vereint und die Kämpfe um die gleichen Kulturfördertöpfe für den Moment vergessen. Es geht nur noch um die Kunst, um das gemeinsame Schaffen und um ein gemeinsames Erlebnis. Die Grabenkämpfe sind für einen Abend begraben. Der unfassbar niedrige Preis hat alle eingeladen, die Lust hatten, ob Punks im eigenen Stück oder in der Oper, ob Girlies oder Wirtschaftsberater, ob in Feierabendbekleidung oder mit frisch geföhnter Ratte, alle hatten ihren Spaß.

lange Nacht der Theater

Beim Theaternachtzappen sind wir zunächst im Kleinen Haus hängen geblieben, und zwar auf zwei Bühnen mit zwei verschiedenen Stücken. Der erste Appetizer kam von der Bürgerbühne und galt dem Dichter der europäischen Hymne. Friedrich Schillers fromme Einbeziehung des guten Herrschers in Freundschaftsbande, dramatisch in der Musik des Bonner Beethoven überhöht, wurde hier frisch und frei in allerlei Varianten durchgespielt. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt. Dann ging es zu Tschick, einem Stück nach Wolfgang Herrndorfs gleichnamigen Roman. Wer sich mit Vergnügen an den braven Schüler Ottokar erinnert und sein inzwischen jugendliches Kind an das Theater heranführen möchte, tut hier einen guten Griff. Das Publikum jedenfalls nahm jede Pointe dankbar mit lautem Gelächter auf. Danke auch für die hübsche Lache direkt hinter mir.

Lange Nacht der Theater

Für unseren nächsten Coup hatten wir fest den Theaterkahn im Visier, aber trotz des luxuriös bereitgestellten Busshuttles, kamen wir für die unmittelbar anschließende Veranstaltung zu spät. Damit hatten wir die Wahl eine Stunde anzustehen oder woanders unser Glück zu probieren. Fündig wurden wir im Schauspielhaus. Nur einen Tag nach der Premiere sahen wir einen Ausschnitt aus Clare Boothe Luces Damen der Gesellschaft. Die Damen, in deren Gesellschaft wir im Publikum waren, sind mitgegangen, wie man es sonst nur in den Nachmittagsvorstellungen der Oper für Kinder erlebt. Leider war auch dies viel zu schnell vorbei, sodass wir flugs zur Semperoper eilten, um La Bohème von Giacomo Puccini zu hören. Die Oper ist immer wieder der Beweis, dass komplexe Musik nicht konservierbar ist. Also wer beim Plattenkauf die letzten Jahre gesparrt hat, der trage sein Geld in die Oper. Die letzte Runde der Reise nach Jerusalem haben wir dann verloren und sind nicht in den Teaser der Staatsoperette Dresden für The Rocky Horror Show gelangt, aber die Premiere kommt erst noch, es bleibt also Zeit die Vorstellung noch zu besuchen.

Danke Dresden!

lange Nacht der Theater