Die Welt als Unwille und als Vorstellung

Schwochows „Unsichtbare“ ist eine Hommage an die Schauspielkunst. Nur selten bekommt man eine derart erlesene Schaupielriege vor der Kamera zu sehen, wie hier, und auch wenn die filmischen Mittel in „Die Spielwütigen“ oder „Unten Mitte Kinn“ als erprobt angesehen werden müssen, bleibt die Bildkraft beeindruckend.

Wieviel Nahtoderfahrung ist nötig, um sich lebendig zu fühlen, um aus dem toten Winkel heraustreten zu können. Der Regiediktator, der die eigene Bedeutsamkeit in der Qual seiner Schauspieler erleben will, sucht genau solche Schauspieler, die ihm eine Flucht aus sich selbst heraus verkörpern könnten. Mit den alten Hasen, hier mit Corinna Harfouch exzellent besetzt, traut er sich diese Fluchtversuche nicht mehr zu. Zu frisch ist die eigene Lebenskrise. Frischfleisch muss her! Frisch von der Schauspielschule, unverdorbene Augen, dass er sie versuchen kann, sich ihm anzuverwandeln.

Josephine, Schauspielstudentin, ist in Leben und Bühne im toten Winkel gefangen. Ihre Mutter sieht sie nicht, sieht sie nicht an. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist von der Krankheit und Bedürftigkeit ihrer anderen Tochter aufgesogen. „Es ist alles so krank hier!“, ruft Fine, wie Josephine verniedlichend den Film über genannt wird, im sich zuspitzenden Konflikt aus. Die Krankheit frißt sich durch Leib und Seele der Kranken weit in die Familie hinein. Der Vater hat schon lange die Flucht ergriffen und Fine trifft der Bann der Mutter, bis Fine sich im dramaturgischen Höhepunkt die Adern öffnet.  Hier anverwandelt sie sich ein weiteres Mal ihrer Bühnen-Figur. Doch zuvor, ganz am Anfang, ist sie auf der Bühne, wie ihr Lehrer feststellt, unsichtbar. Ihre gespenstische Katharsis führt sie von den kleinen schauspielerischen Improvisationen, die ihr und ihrer Schwester seltene Momente der Ablenkung schenken, über die Öffnung ihrer Wut bis hin zur Emanzipation vom Regiedämon, der die Regie im eigenen Leben so schlecht selbst zu übernehmen versteht. „Noch einmal möchte ich nicht abstürzen“, sagt sie, ihm ihre Wunden zeigend, „wenn du das machst, dann ist das deine Sache“. Seinen Unwillen zu leben, kann sie ihm nicht nehmen.