Do you speak Italian?

Wenn der türkische Regierungschef im deutschen Düsseldorf Sprachenpolitik für „unsere Kinder“ betreibt, ist der deutsche parteipolitische Protest nicht minder irritierend. Geht’s noch? Das ist ja so, wie wenn Fidel Castro in Florida die Prohibition einführen will. Mal ganz abgesehen davon, wessen Kinder Erdogan da meint, seine werden es wohl nicht sein, auch wenn er jetzt öfters in Düsseldorf ist. Der Protest deutscher Parteien bezieht sich aber auf die Kindererziehung. Sie kritisieren nicht die Forderung bilingualer Erziehung, welch Anspruch in deutschen Haushalten, sondern die Reihenfolge des Spracherwerbs. „Unsere Kinder müssen Deutsch lernen, aber sie müssen erst Türkisch lernen“, so Erdogan. Tja, wie müsste diese Forderung mit familiengeschichtlich gering ausgeprägter Wanderungstradition in Deutschland denn lauten? „Ihr müsst erst einmal Deutsch lernen und dann richtiges Deutsch!“ Was würden Schwaben, Franken, Sachsen oder die letzten Plattdütschsnacker dazu sagen?
Handelte es sich bei den Türken um die letzten Sprecher einer Amazonassprache, würde man natürlich wollen, dass sie sie als Muttersprache lernen, denn nur muttersprachliche Kompetenz sichert einer Sprache das aktive Überleben und den vollen Umfang ihrer Nutzung. Und niemand will, dass Sprachen aussterben (ist wie mit bedrohten Großkatzen). Da das Türkische nicht so richtig bedroht ist, findet man auf einmal, die Kinder sollten die offizielle Landessprache zuerst lernen. Natürlich kann man performativ perfekt zweisprachig sein. Dafür gibt es genügend menschliche Bilinguen auf der Welt. Ich glaube, dass es nur ein mitteleuropäisches Problem ist, Mehrsprachigkeit mit den daraus resultierenden Stufen unterschiedlicher Sprachkompetenz als Gefahr zu betrachten. Es gibt hunderte Millionen Menschen auf der Welt, die mehrsprachig sind.
Abgesehen von einer mit der „falschen“ Sprache einhergehenden Diskriminierungsproblematik, die ja auch zum Verschwinden vieler Sprachen führt, kann Mehrsprachigkeit allein also nicht so recht zum staatlichen Zusammenbruch führen, wie man bei dieser innerdeutschen Debatte manchmal denken könnte. Mir scheint das Problem ein rein soziales zu sein. Deutschstämmige Kinder aus gleich benachteiligten Verhältnissen beherrschen die deutsche Sprache ja auch nicht „besser“ als die „Türken“ und sind für die „höhere Ausbildung“ genauso gehandicapt. Und auch da muss man übrigens noch differenzieren, denn was manche Ghetto-Kids sprachlich veranstalten, deutet auf ein hohes Maß an Sprachkompetenz hin. Das Problem ist dann nur, dass diese Art von Kompetenz im deutschen Bildungsbürgertum, das sich noch am 19. Jahrhundert orientiert, nicht anerkannt wird. Sie dominieren uns aber sozial. Sie stellen die Leitkultur und wollen es auch weiterhin. Der Habitus exkludiert was verstört, bis er sich selbst überwindet. Mit welcher Lust und antibürgerlicher Attitüde Multilingualität in „A Fish Called Wanda“ von Jamie Lee Curtis und John Cleese in Szene gesetzt wurde, sollte Maßstab für diese Übergangszeit pluraler Wertvorstellungen sein.

 

 

6 Antworten auf „Do you speak Italian?“

  1. Wenn man sich den Bohei anschaut, der um den italienisch-stämmigen ARD-Nachrichten-Sprecher zur letzten EM anschaut, dann scheint der Sex-Appeal des Italienischen nicht ganz so angenommen zu sein, wie von Jamie Lee Curtis. Schade.

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