Schöne neue Welt

Mehr und mehr scheinen mir Dystopien prophetische Qualitäten aufzuweisen. Nach den letzten Orwell’schen oder Huxley’schen Anleihen unserer Staatsmächtigen in Bezug auf Überwachung und Bildung gesellschaftlicher Klassen, erscheint ein weiterer Hinweis auf unsere derzeitige Reise in eine schöne neue Zukunft in der Rede des britischen Premiers Cameron am 15.8.2011.

Ich möchte an dieser Stelle einige Ausschnitte aus Camerons Reaktion auf die jüngsten „Ereignisse“ in London und anderen britischen Großstädten hervorheben:

It is a major criminal disease that has infected streets and estates across our country. Stamping out these gangs is a new national priority. […] We will fight back against gangs, crime and the thugs who make people’s lives hell and we will fight back hard. The last front in that fight is proper punishment.

Neue erste Staatsaufgabe ist also nicht, sich mit der Grundlage dieser „Ereignisse“ zu beschäftigen und die klaffenden Spalten zwischen den Klassen der britischen Gesellschaft anzugehen. Vielmehr wird nun auf das Symptom des Ganzen eingeschlagen in der Hoffnung, das Problem ließe sich so unter den Teppich kehren…

Die sprachliche Herangehensweise von Cameron — er spricht von einer „kriminellen Krankheit“ sowie von ganz klar abgrenzbaren kriminellen Grüppchen und zwielichtigen Einzelpersonen („gangs“ und „thugs“) — unterstreicht, wie ich finde, diese hoch problematische Negierung eines gesamtgesellschaftlichen Problems, welches demnächst wohl auch andere westliche Länder erreichen wird (bzw. schon lange erreicht hat). Denn je nach gesellschaftlicher Schicht sind in der Büchse der Pandora schlechte Bildungschancen, hohe Jugendarbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, niederschmetterndste Perspektivlosigkeit — und das alles Tür an Tür mit den Wohlstandsversprechen unserer „All you can eat“-Gesellschaft sowie den makellos glänzenden, hoch moralischen Heilsfiguren aus Wirtschaft, Politik oder Religion.

Ganz nebenbei bemerkt ist Camerons Nutzung des Begriffs „Krankheit“ übrigens auch historisch gesehen hoch problematisch ob der sprachlichen Nähe zum deutschen Faschismus, in dem Andersdenkende auch schon als „krank“ bezeichnet wurden…

Weiterhin meint Cameron in seiner Rede vor überwiegend jungen Leuten in einem Jugendzentrum in Oxfordshire:

I don’t doubt that many of the rioters out last week have no father at home. Perhaps they come from one of the neighbourhoods where it’s standard for children to have a mum and not a dad…

Da ist es doch nur gut, dass es so viele gute männliche Vorbilder im öffentlichen Leben gibt. Man denke nur an die vielen Politiker, Wirtschaftsmagnaten oder Prominenten, welche dank der Yellow Press uns unser ganzes Leben mit ihrer Tugendhaftigkeit begleiten. In diesem Sinne auch schön:

We need an education system which reinforces the message that if you do the wrong thing you’ll be disciplined…
…but if you work hard and play by the rules you will succeed.

Vielleicht ist hier das Bild einer Koranschule (natürlich westlich konnotiert) oder der HJ (analog im alliierten Sinne konnotiert) eine sehr extreme Assoziation, dennoch darf man sich an dieser Stelle wohl fragen, welche Regeln und welche Disziplinierungsmaßnahmen zu welchem Erfolg führen sollen.

Der folgende Ausschnitt gibt Hinweis auf das Ziel, nämlich die Wiederherstellung der allgemeinen Moral:

Do we have the determination to confront the slow-motion moral collapse that has taken place in parts of our country these past few generations?
Irresponsibility. Selfishness. Behaving as if your choices have no consequences. Children without fathers. Schools without discipline. Reward without effort. Crime without punishment. Rights without responsibilities. Communities without control.
Some of the worst aspects of human nature tolerated, indulged — sometimes even incentivised — by a state and its agencies that in parts have become literally de-moralised.

Demoralisierung führt Cameron also letztlich an als Grund für die Ausschreitungen der letzten Tage. Auch wenn andere Moralvorstellungen bzw. die Aufhebung gesamtgesellschaftlich anerkannter Wertesysteme sicherlich die Brutalität und Zerstörungswut dieser Ausschreitungen begünstigt haben, so sind diese Wertverschiebungen doch in der gesellschaftlichen Struktur und ihrem Wandel, ihrer Zersplitterung begründet. Camerons Aussage ist damit nicht falsch, jedoch bleibt die Demoralisierung eine Scheinbegründung.

Mit der Moral als erstem Gebot einer schönen neuen — heilen — Welt und dem „kranken, demoralisierten, gar amoralischen Gegner“ wird ein Schwarz-Weiß-Bild konservativer Herrlichkeit gezeichnet. Camerons gesellschaftsumfassender Hinweis gegen Ende seiner Rede — „Moral decline and bad behaviour is not limited to a few of the poorest parts of our society.“ — scheint nach all seinen vorherigen Gedanken doch eher politisches Feigenblatt zu sein denn aufrichtiges Problembewußtsein. Auch sein Ausspruch„There is no ‘them’ and ‘us’ – there is us.“ steht ganz im Gegensatz zum anfänglichen Tenor:

„Those thugs we saw last week do not represent us, nor do they represent our young people – and they will not drag us down.“

Als Reaktion auf die gebrauchte Sprache drängt sich mir eine weitere Assoziation auf, nämlich folgender Slogan aus einer weiteren Dystopie:

Strength Through Unity,
Unity Through Faith.

— Slogan der Norsefire-Partei in V for Vendetta

Passenderweise spielen Comic und Comicverfilmung von „V wie Vendetta“ in einem düsteren, fiktiven Großbritannien von 1997, es wird also scheinbar Zeit, dass wir unsere Realität der Fiktion einmal annähern, sozusagen frei nach Dürrenmatts Figur Möbius in „Die Physiker“: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Dem Gedanken (bzw. im übertragenen Sinne der Sprache) folgt die Ausführung. Auch in diesem Falle?

Justitia