Pop, pop, popmodern

Die Kunst war viel populärer als ihr noch keine Künstler wart!

Ein Name, ein Programm. Man könnte es also bei diesem einen Satz belassen, wenn man nicht in die Berliner-Volksbühnen-Premiere geraten wäre und so ein Satz auf anderthalb Stunden ausgedehnt nach Rechtfertigung verlangt, wenigstens sich selbst gegenüber.

Pollesch setzt die Produzenten der „feinen Unterschiede“ in jenem Moment in Szene, in dem der Markt feinsinniger Sensitivität keine Sensation mehr zu bieten vermag. Diese Umwertung, diese Entwertung von Kunst und Kultur korrespondiert Pollesch mit der sozialen Entwertung projektorientierter Ad-hoc-Arbeits- und eben auch Lebensverhältnisse. Die Haut wird zu Markte getragen, jedoch noch bevor sie Stück für Stück vom Leib gezogen, ist sie keinen Pfifferling mehr wert. Pollesch bringt es pointiert auf den Punkt: Wenn ich nicht zur Arbeit komme, dann gebt mir einen höheren Hungerlohn. Hier stehen sich nicht mehr Klassen gegenüber, sondern lediglich unterschiedliche Geschwindigkeiten der Selbstvermarktung. Auf der einen Seite jene, die ihre Innerlichkeit eine Haaresbreite vor ihren Konkurrenten zu platzieren vermochten, auf der anderen Seite, jene die nunmehr den Vorsprung der anderen mit Liebe abzugelten haben.  Moral löst sich in der Gier nach Anerkennung auf, denn Anerkennung ist der Wechsel, auf deren Einlösung alle hoffen, freilich bleibt er ein ungedeckter Wechsel.

Die prekäre Formulierung einer Ideologie des Prekariats nimmt Pollesch dann auch so ernst, dass seine Darsteller sich selbst darstellen, soll heißen, so sind. Sie können sich nicht befreien, nicht aus ihren Rollen, nicht in ihrem Leben. Es gibt keine Botschaften und keinen Genuss. Pollesch wäre ein schlechter Protagonist seines Programms, wenn er mit seinem Anspruch dieses Programm darzustellen nicht gescheitert wäre.

Die kleinen Belehrungen, dass das Theater eine Illusionsmaschine ist und gerade, weil Pollesch darauf hinweist, vielleicht dann eben doch nicht mehr, haben dem Stück zumindest Beifall verschafft. Beispielsweise, wenn die sich darstellenden Darsteller der sich darstellenden Souffleuse ins Textbuch schauen, obwohl sie ganz ohne Text herum hampeln. So hat, in Abwandlung einer Pointe Brechts, jedes Theater das Publikum, das es verdient.

 

P.S.: Eine Frage, die sich bei dem Stück aufdrängt: Bezahlt man die Souffleuse in Polleschs Stücken eigentlich wie eine Schauspielerin oder bekommt sie weniger als „6 $ die Woche“?

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