Nur das Original ist egal!

Grundsätzlich kommt der Abform heute dieselbe Bedeutung wie dem Originalwerk zu. Vielfach überliefert jene nach inzwischen eingetretenen Umweltschäden sogar eine adäquatere Vorstellung. Nicht selten tritt der Abguss überhaupt an die Stelle des Originals.

So stand es geschrieben im Naumburger Dom anlässlich der Landesausstellung Sachsen-Anhalt 2011 „Der Naumburger Dombaumeister„. Und kurz darauf folgte der Moment, in dem ich zumindest diesen Teil der Landesausstellung dann auch wirklich nicht mehr ernst nehmen konnte. Mir wurde das Fotografieren (ohne Blitz, ohne Stativ) einer Abform eines Originals untersagt. Dabei wollte ich nur die Lichtsituation um den an der Wand befestigten Engel einfangen, die Aureole, gewirkt durch den Lichtstrahl, der durch verschiedenfarbiges Glas einfiel.

Wenn man sich denn als Ausstellungsmacher der Abbilder bedient, so ist dies völlig legitim. Diesen jedoch Qualitäten des Originals zuzuschreiben, ihren Wert noch über den des Originals zu stellen, zeugt von einem recht merkwürdigen Verständnis von Originalität und Authentizität. Gehören die Patina eines Werks, die Spuren der Zeit und der Nutzung nicht zu den Qualitäten eines Dinges, die dessen Geschichtlichkeit, dessen Zeugniswert ausmachen?

Es mag ja sein, dass man an Abformungen versucht, jene durch die Umwelt verursachten Schäden zu revidieren, doch ist dieser Prozess letztlich immer eine Interpretation des originalen Werkes aus seinen Resten heraus, anhand von Fotografien oder anderen bildlichen Darstellungen — sie entsprechen nie genau dem Original, können daher nie den selben Aussagewert haben wie das Original. Der Abguss tritt nur an die Stelle des Originals, um dieses vor weiteren Witterungseinflüssen zu schützen, es wird nicht verworfen, sondern aufbewahrt, zwar in eine andere Umgebung verbracht, dennoch da, um im Vergleich mit der Abformung als Vorbild, als geschichtliches Zeugnis zu dienen. Im Museum schließlich ist diese auch nur wirklich sinnvoll, wenn das Original nicht erreichbar ist, doch ganz den selben Aussagewert besitzt sie nicht, so dass ja auch immer darauf hingewiesen wird, wenn es sich eben nicht um Originale handelt. Und auch die Notwendigkeit, diese Abform dann vor der Fotografie zu schützen, erschließt sich mir nicht.

Ein viel interessanterer, offener Ansatz war meiner Meinung nach im Stadtmuseum „Hohe Lilie“ zu sehen, dort lockte neben einer Sonderausstellung über die Rezeption der Naumburger Stifterfiguren — und ganz besonders natürlich der Uta — das vom Museum umfasste jahrhundertealte Stückwerk aus mehreren Häusern, die zu einem wurden, als Exponat Nummer 1. Und schließlich war hier nicht nur das Fotografieren erlaubt, vor allem bleib der Umgang mit Originalen und Kopien transparent und nachvollziehbar. So standen die Stifterfiguren natürlich als Abformung im Raume, ermöglichten dem Besucher eine Betrachtung auf Augenhöhe und in sehr geringem Abstand. Dass diese Figuren allerdings nur Abformungen waren (und dies auch sein durften) und eben nicht die Originale, blieb klar ersichtlich: Sie waren als Hohlformen und mit offenem Rückenteil angelegt, derart konnte auch das Negativ der Form erblickt werden.

Alles in allem erweckte der Besuch von Naumburg gemischte Gefühle, wobei der Tag nach dem weniger erfreulichen Beginn mit dem oben genannten Zitat doch noch an Scharm gewann. Die Altstadt selbst ist auf jeden Fall einen Besuch wert und die schnuckelige Elektrische, die noch um den Ring fährt, kann man einfach nicht übersehen.